In den vergangenen Wochen habe ich mich manchmal etwas altmodisch gefühlt, mit meinem Plan, mein Baby wieder in der Klinik zu bekommen, statt wie scheinbar so viele andere kuschelig zuhause im Bett oder im Pool vorm Bett. Beinahe habe ich mich geschämt, für meine wachsende Angst vor den Geburtsschmerzen. Habe versucht, den Moment ebenfalls in zärtlicher Vorfreude herbeizusehnen. Ich habe es nicht hinbekommen…
Geburt,
Bos Geburt war nicht friedlich und kuschelig, sie war heftig, wild, laut, ja geradzu animalisch. Sie war schmerzhaft und: nicht schön. Danach war es schön, wunderschön, zauberschön: der Moment, die Stunden, die Nacht danach. Die Geburt war gut, weil sie mir das Schönste gebracht hat. Aber der Weg war nicht das Ziel. Das Ziel war das Ziel.

Ich habe lange überlegt, ob und wie ich hier über die Geburt von Bo schreibe. Dann habe ich beschlossen, ich schreibe es einfach runter. So wie es war. Schön schrecklich und schrecklich schön. Zum Erinnern für mich. Und für Bo. Und für alle, die ihr Baby ebenfalls nicht heimelig im kuscheligen Bett herausgeatmet haben, obwohl sie es vielleicht gern getan hätten. Für alle, die ebenfalls eine Riesenangst haben und hatten. Die Geschichte einer ganz normalen Geburt eben. Nämlich kein bisschen normal.

Meine drei Jungs kamen alle drei zu früh, deshalb begann ich bereits ab Woche 38 unruhig zu werden. Ich richtete endlich eine kleine Babyecke im Schlafzimmer ein, packte ein paar Sachen fürs Krankenhaus und verabredete mich nur noch mit dem Zusatz: “Wenn noch nicht, dann…”. Ich war hin und hergerissen zwischen dem Wunsch, diesen kleinen Menschen endlich kennenzulernen – und dem Gedanken, diese allerletzte Schwangerschaft bis zum Schluss so richtig zu genießen. Das letzte Mal einen kleinen Menschen in mir drin spüren. Je länger ich warten mussten, desto öfter kamen auch wieder Sorgen hoch, Sorge, dass doch noch etwas schief gehen könnte.

Meine Schwangerschafts-App zeigte schließlich Woche 40 – eine Woche, die ich in nie zuvor erreicht hatte. Ich hatte ab und zu Übungswehen, nicht schlimm, beinahe angenehm und abends im Bett hatte ich das erste Mal in vier Schwangerschaften das Gefühl, mich vor lauter Bauch nicht mehr bewegen zu können. Ich machte seltsame Pläne im Kopf für das schönste Geburtsdatum: 4.Juli, zum Beispiel, weil die anderen doch am 5./6./7. Geburtstag hatten, eine Geburtstags-Reihe, das wäre doch schön. Der 4. Juli verging – und alles war ruhig. Andre fing an abends zu fragen: “Merkst du schon was?” Und ich schüttelte den Kopf.

Dann kam der Donnerstag, der 6.Juli. Es war schon morgens sonnig und schwül. Ich war mit einer Freundin zum Frühstück und Bummeln verabredet. Ich schob glücklich meine Kugel durch die Stadt, kaufte noch Volumenflies für die Baydecke, die ich tatsächlich noch beinahe fertig hatte und Blumen. Ich ging breitbeinig wie ein Cowboy. Langsam, ein wenig schwerfällig. Und mit einer neuen Bananenpflanze auf der Hüfte.

Nachmittags wollten die Jungs bei uns im Naturbad schwimmen gehen und wir luden das Auto voll mit Handtüchern, Schaufeln und Schwimmflügeln. Ich spürte dicke Schweißperlen auf der Deichstraße in Richtung Schwimmbad. Und: eine erste Wehe. Sie war nicht besonders schmerzhaft, aber ich merkte sie auch im Rücken, anders als all die Übungswehen zuvor. Ich dachte mir nicht viel dabei, aber als ich am Schwimmbad parkte, spürte ich eine nächste Wehe. Und ein seltsamen Knacken im Bauch. Ich sagte nichts, sondern packte unseren Kram zusammen und schob unser Zeugs im Buggy ins Bad. Die Großen verschwanden bei ihren Freunden im Wasser – ich setzte mich mit Tjelle auf unsere Decke. Mein Bauch war steinhart. Eine nächste Wehe kam, so intensiv, dass ich nach ihr beschloss auf die Uhr zu sehen. Dann kam lange nichts, und ich lehnte mich zurück, irgendwie erleichtert.

Wir holten Eis für alle, Tjelle und ich, und dann kamen kurz hintereinander die nächsten Wehen und ich hatte das Bedürfnis aufzustehen und mich zu bewegen. Ich hatte Schweißausbrüche und fing an zu überlegen, was ich tun sollte, ob es jetzt los ginge oder doch nicht und was wohl die Jungs sagen würden. Zum Glück entdeckte ich in diesem Moment eine Freundin, erzählte ihr, was los war und sie war sofort ganz fröhlich und aufgeregt. Ich sagte ihr, ich sei nicht sicher, aber sie schaute auf meinen Bauch und meinte, sie könne die Kraft der Wehen bereits sehen. Wir stoppten die Zeit von einer Wehe bis zur nächsten. Vier Minuten. Ich rief André an, ließ die Großen bei der Freundin und fuhr mit Tjelle nach Hause. Ich brachte Tjelle zu meiner Schwiegermutter und wegen des G20-Gipfels beschlossen Andre und ich gleich loszufahren. Im Auto fragte André, ob er seine Termine für die nächste Woche schon mal absagen sollte, aber ich hielt ihn zurück. Erst mal wollte ich dieses Kind haben. Es hinter mir haben. Es gesund bei mir haben.
Geburt
Es war mitten im G20-Stau-Getümmel, dass ich während der Wehen plötzlich nicht mehr weiterreden konnte. Ich fing an mich vor Schmerz aus dem Sitz zu drücken, mich oben an der Griffschlinge festzuklammern. Ich versuchte, meine Lippen beim Veratmen rund und locker zu machen, um mich zu beruhigen, Kraft zu tanken und meinen Körper weich und bereit zu machen.

Andre begann nervös zu werden, unser Navi zeigte lauter rote Strecken, überall Stau, ständig musste er umdrehen. Ich begann beim Ausatmen zu Tönen um den Schmerz besser auszuhalten, da gab er plötzlich Gas und fuhr auf der Gegenfahrbahn an den stehenden Autos unserer Reihe vorbei, um knapp vor dem Gegenverkehr mit quietschenden Reifen in einer Seitenstraße zu halten, um sich dann wieder weiter vorn in die wartenden Autos zu drängen. Ich schloss die Augen. Ich war ohnehin schon ganz damit beschäftigt, mich auf meinen Atem zu konzentrieren. Versuchte ruhig zu bleiben und meinem Baby dort unten Luft zu geben und den Weg frei zu machen. Ich spürte aber auch meine Angst größer werden. Mein Körper und ich, wir beide erinnerten uns plötzlich wieder an den Wehenschmerz: Verdammt noch mal, so fühlt sich das an.

Im CTG-Raum wollte ich erst stehen, legte mich dann aber doch hin und merkte wie gut es tat, zwischen den Wehen nochmal kurz die Augen zu schließen und beinahe kurz wegzunicken. Vier, fünf Wehen später nahmen sie plötzlich noch einmal heftig an Intensität zu und als die Hebamme mich abgetastet hatte und meinte, der Muttermund sei bei zwei bis drei Zentimetern und das würde noch dauern, bekam ich plötzlich riesige Panik. Ich merkte, dass ich die Schmerzen nicht mehr mit meinem Atem einfangen und besänftigen konnte, die Angst hatte mich im Griff, nicht ich sie. Ich wusste nicht, ob ich stehen oder liegen oder sitzen wollte, ich bestand nur noch aus wild arbeitendem Körper. Und Schmerz. Und scheinbar würde das noch ewig so gehen. Ich war bereits an dem Punkt, an dem ich alles wollte, bloß kein Kind kriegen und ich war mir absolut sicher, nicht die Kraft zu haben, für das was kam. Die Hebamme war die meiste Zeit über weg und ich konnte schon jetzt nicht anders, als laut zu schreien. Die Angst und die Schmerzen hatten mich voll im Griff, das machte mich wütend auf mich selbst – aber ich kam da nicht mehr heraus.

Andre versuchte mich zu trösten, aber ich tobte und schrie und da rannte er hilflos los, um die Hebamme zu holen. Die sagte mit hartem osteuropäischen Akzent: “Sie schaffen das, sie starke Frau!” Dann schlug sie eine PDA vor. Ich hatte das Gefühl, dafür sei es viel zu spät, aber ich wollte bloß, dass dieser unglaubliche Druck aufhörte. Wir gingen in den Kreißsaal, ich war bereits in dem Stadium, in dem ich vor Schmerzen nicht mehr klar sehen konnte. Bloß noch Schatten, ich schrie pausenlos, versuchte irgendwo Halt an mir oder in mir zu finden, doch wieder im Atem, oder in dem ich mir über Stirn und Nase strich – etwas, das mich bei Tjelles Geburt sehr beruhigt hatte. Es gelang mir nicht. Ich bestand nur aus Schmerz, Druck, Panik, Angst. Die Hebamme war schon wieder weg. André versuchte neben mir verzweifelt, das Formular für die PDA auszufüllen.

Ich ging rastlos herum, wusste nicht wohin mit mir, nahm alles um mich herum nur als bunte Formen war, die blassgelbe Liege, die riesige, dotterfarbene Wanne, das rote, von der Decke hängende Stoffseil. Die Hebamme kam, sagte, ich solle mich hinlegen, aber ich bestand nur noch aus schmerzendem Unterleib, mochte nicht stehen, sitzen oder liegen. Dann war sie wieder weg. Ich schrie und kreischte, dass ich pressen müsse und Andre rannte los, noch immer mit dem PDA-Formular in der Hand, um mal wieder die Hebamme zu holen.

Sie kam – mit der Ärztin, um die PDA zu legen und beide redeten mir zu, dass ich mich endlich hinlegen sollte. Ich sah mich selbst, wie in einem Film, wütend, verzweifelt, ich fühlte mich unverstanden, mir war heiß und ich riss mir den stickigen Krankenhauskittel vom Körper. Zum wiederholten Mal schrie ich, dass ich pressen müsse. Die Hebamme wiederholte immer wieder: “Legen Sie sich hin!”, aber ich konnte mich nicht mehr bewegen. Irgendwie gelang es der Hebamme schließlich doch, meinen Muttermund zu fühlen, denn plötzlich rief sie: “Dann pressen Sie.” Ich war erleichtert, fühlte mich endlich verstanden und gleichzeitig hatte ich schreckliche Angst und bekam die Beine kaum auseinander. Ich stand da, schrie hysterisch, hielt mich an der Liege fest, hatte das Gefühl innerlich zu reißen und konnte mich vor Schmerz kaum halten auf meinen zitternden Beinen.

Erst als die Ärztin mit ruhiger Stimme sagte: “Ihr Baby hat gerade sehr viel Stress, versuchen Sie ein wenig mitzuhelfen!”, konnte ich mich kurz fangen. Ich hörte auf die Hebamme, die im kühlen Befehlston Anweisungen gab. “Pressen. Jetzt schieben. Nicht so doll, sanfter.” Meine Beine wackelten, bauchabwärts war ich nur Druck und Schmerz, aber schließlich spürte ich etwas Rundes zwischen meinen Beinen und fühlte das heftige Brennen. Babys Kopf! Es flutschte und Wasser und Blut platschten auf den Boden und dann sah ich in sein kleines Gesicht, ein kleiner blauer Körper direkt unter mir in den Händen der Hebamme, faltig, und überall mit Resten der Fruchtblase, in der er vollständig geschlossen herausrausgerutscht war und die die Hebamme gerade erst geöffnet hatte. Ich wollte ihn greifen, aber die Nabelschnur war zu kurz. Ich sah, dass es ein Junge war und das fühlte sich so richtig an und ich wimmerte und lächelte und jaulte und japste und fühlte mich unglaublich erleichtert. Und auch irgendwie fassungslos, weil es plötzlich so schnell gegangen war. Es war jetzt 19.47 Uhr. Um 17.oo Uhr hatte ich Andre aus dem Schwimmbad angerufen.

Jetzt mochte ich mich hinlegen, auf die Liege, mein Baby auf der Brust, schleimig und blutig wie er war und ich grinste pausenlos und schnappte nach Luft. So dankbar, ihn zu haben. So dankbar, es hinter mir zu haben.

Wir lagen noch lange im Kreißsaal, unser kleiner Sohn bei uns, noch kein bisschen gesäubert oder untersucht und zum ersten Mal war es schön, dass uns alle so lange allein ließen. Ich spürte wie weh mir alles tat, aber vor allem spürte ich mein Kind. Seine winzige Wärme. Andre und ich lächelten gemeinsam über sein Knautschohr, zählten seine Finger, staunten über seine angeschwollenen Lider – und den überraschend wachen Blick aus Kullerpupillen, wenn er sie kurz öffnete. Wir bewunderten seinen Mund, der Dreiecke und Kreise formte. Ich war so dankbar für Andre an meiner Seite. Für seine Ruhe. Dafür, diesen Moment ein viertes Mal erleben zu dürfen. Wir teilten uns hungrig das Snickers aus der Kliniktasche. Ich trank gierig die beste Apfelschorle meines Lebens. Ich grinste pausenlos.
Geburt, Baby
Wie banal Glück manchmal ist: Andre und ich im Krankenhauszimmer, muttermilchfarbener Rauhfaser, ich links im Bett, er rechts. Zwischen uns ein Tablett mit schnöden Graubrot, siffigem Mozzarella. Lachs. Draußen Blaulicht und Hubschraubergebrumm, milde Julisommerabendluft durch das weit geöffnete Fenster. Und neben mir das neue Baby. Winzig auf der schweren, weißen Krankenhausdecke. Unwirklich. Und doch so selbstverständlich – als hätte genau er uns noch gefehlt. Ich fühlte bleiernde Müdigkeit – und war anderseits aufgekratzt. Ich schaute immer wieder zum großen Mann, der begeistert Freunden vom neuen Baby schrieb und dem ganz kleinen, der an mir saugte, als hätte er nie etwas anderes vorgehabt. Ich lag noch lange wach in dieser Nacht, glücksaufgeregt, lauschte dem Hubschraubergebrumm. Und dem sanftem Atem meines Sohnes.

Mein allerschönster Moment kam am nächsten Tag. Als Andre die Großen brachte, um ihren Babybruder kennenzulernen. Ich hatte die ganze Zeit aufgeregt gewartet. Wie würde es sein? Mein Herz klopfte wild, als ich ihre Stimmen vor der Krankenzimmertür hörte. Der Große trat zuerst ein, mit ernstem Gesicht und großen Augen. “Hallo Mama! Wo ist das Baby?”, rief er. Angspannt. Irgendwie nervös. Ich musste an die gleiche Situation vor vier Jahren denken, als er das erste mal großer Bruder geworden war und winzig klein und hilflos an mein Bett trat. Wie anders war es dieses Mal. Er rannte auf das Bett zu, warf einen Blick auf das winzige Bündel und strahlte. Irgendwie erleichtert.  “Oh, ist der klein. Ist der süß!”

Ich schaute zu meinem Mittleren, wie er langsam auf mich zu kam. Mich anlächelte. Dann kurz das Babybündel betrachtete. Ganz leise. Dann kletterte er auf Papas Arm. Er schaute von dort. Er brauchte ein bisschen. Der Große hatte sich neben Bo gesetzt, streichelte zärtlich über seinen Kopf. Hielt seine winzigen Finger.

Dann schaute ich zu Tjelle, meinem Baby bisher. Wie würde er reagieren? Er konnte noch nichts sehen, zu hoch war das Krankenhausbett mit meinen Beinen darauf. Er ging auf mich zu. Lächelte. Ich hob ihn hoch, küsste ihn und gab den Blick aufs Baby frei. Ein erstauntes Lächeln blitzte in seinem Gesicht auf. “Mama, Baby!”, rief er und zeigte überrascht auf seinen kleinen Bruder. Er deutete auf das kleine Pflaster auf der winzigen Hand und sagte: “Baby, Aua!” Er schaute kurz besorgt. Dann lächelte er wieder. Er drehte sich zu Andre um und rief:” Papa, Baby!” Er zupfte Lasse am Shirt: “Lasse, Baby!” Wir schauten uns an und mussten alle herzlich lachen, über seine echte, erstaunte Freude.
Geburt,
Dann kuschelten wir uns alle fünf, halt, sechs aufs Bett und bestaunten gemeinsam unser Baby. Die langen Finger, die weiche Haut – an manchen Stellen durchscheinend wie Pergament. Die winzigen, blauen, faltigen Füße. Wir überlegten, wem Bo ähnlich sieht und André und ich erzählten, wie es bei den anderen drei gewesen war, am Tag ihrer Geburt.

Ich sah uns dort sitzen, wie in einem Film, meine Männer und mich, ganz eng und es war als stände die Zeit kurz still für diesen Moment, damit ich ihn aufsaugen und abspeichern konnte, als den Augenblick, in dem ich mich auf leise Weise angekommen fühlte.

Ein schönes Wochenende und alles Liebe und tausend Dank für all eure zauberhaften Nachrichten und Kommentare!

Claudi