Eine Lieblingsfloskel, mit der ich meinem Großen ständig ein Ohr abkaue: „Du bist doch ein Vorbild für deine Geschwister…“ Um wahlweise einzuleiten, dass man am Essenstisch sitzt und nicht liegt, länger als 20 Sekunden Zähne putzt und Sätzen nicht mit „Du Arsch!“ mehr Sprengkraft verleiht. Weil: Wenn einer aus der Reihe tanzt, finden sich immer dankbare Nachahmer. Aber wenn ich ehrlich bin, gilt vorbildliches Verhalten in meiner Welt vor allem für minderjährige Familienmitglieder – und ich nehm mich gern aus. Warum eigentlich…?

Unsere Familiengebote sind nicht besonders ausgefallen: Du sollst nicht fies fluchen. Du sollst niemandem wehtun. Du sollst andere ausreden lassen, nicht rumschreien, Medienzeiten akzeptieren. Und meist vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens mit der Hälfte dieser Regeln gebrochen wird  – nicht selten von mir.

„Scheiße“ ist mein Standart-Wort für alles, was im Familienleben so schief gehen kann.

Also eine Menge, weswegen das S-Wort sehr frequent genutzt wird. Von mir. Und immer häufiger auch von meinen Kindern. Manchmal finde ich es sogar ganz amüsant, wenn der Dreijährige leise „ssseiße“ lispelt, während er am Polizei-Puzzle tüftelt. Zu erleben, dass sich das Wort mühelos im Alltags-Sprech meiner großen Kinder festgesetzt hat, ist daher nicht verwunderlich – aber dennoch befremdlich. Vor allem, wenn damit ganz selbstverständlich Hausaufgaben oder die Aufforderung zum Händewaschen kommentiert werden.

„Mama, wir brauchen wieder eine Schimpfgeld-Kasse“, schlug der Große kürzlich vor. „So wie früher.“ Und ich erinnerte mich an das Glas voller 20- und 50-Cent-Münzen, das oben auf dem Küchenregal stand und fleißig befüllt wurde. Vor allem von mir. Weswegen es wohl irgendwann wieder in der Versenkung verschwand. Ich hab es jetzt wieder rausgeholt. Jeder hat drei „Scheiße“ die Woche frei – für die wirklich ärgerlichen Dinge. Matheaufgaben zählen nicht. Und auch kein verkleckerter Kaffee.

Wo ich hier schon mal blankziehe: Ich werde auch oft laut, bin rechthaberisch, hab gern das letzte Wort und dauernd mein Handy in der Hand.

Alles Eigenschaften, die ich meinen Kindern ständig ankreide. Das macht mich nicht zu einer schlechten Mutter – aber zu einem schlechten Vorbild. Klar gibt es Dinge, die Erwachsene tun und Kinder eben nicht: Alkohol trinken, viel zu lange lange aufbleiben und Filme ab 16 schauen. Aber wenn es um familiäre Leitplanken geht, ist es schon glaubwürdiger, wenn alle mitziehen – auch die Eltern.

Und dabei geht es ja längst nicht nur um die Vereinbarungen, die wir in Sachen Umgangton oder Mediennutzung treffen: Wie häufig versichere ich meinen Kindern, dass sie ganz genau so gut sind wie sie eben sind. Um keine fünf Minuten später an mir selbst rumzumäkeln. An meinen Fähigkeiten zu zweifeln, mir Eigenschaften zu wünschen, über die ich nicht verfüge.

Oder in Sachen Fehlerkultur: Wie ich mir während der Hausaufgaben den Mund fusselig rede, dass Fehler wichtig sind, dass sie uns alle weiterbringen (hier habe ich darüber schon einmal ausführlicher geschrieben) – ich für mich aber oft eine Null-Toleranz-Grenze lebe. All das nicht bewusst und auch nicht zwingend vor den Kindern – aber vielleicht schwingt unterschwellig mit, dass ich mit zweierlei Maß messe. Dass für mich häufig andere Gesetzmäßigkeiten gelten als für die anderen. Und das macht einen Konsens natürlich schwer.

Ich habe für mich daher eine Top 3 der Dinge definiert, die ich richtig gut vorleben will: Fokus ist wichtig.

Auf den Moment. Auf die Geschichten, Bedürfnisse, Gefühle der Menschen, die ich am meisten liebe. Denn wie häufig bin ich während der Familienzeit mit den Gedanken woanders, imaginäre Listen erstellend, mit einem Auge am Handy.

Die Konzentration, die ich von meinen Kindern fordere – für die Hausaufgaben, fürs Klavier üben, fürs Leben -, möchte ich auch ganz bewusst für sie aufbringen. Daher bleibt mein Smartphone jetzt im Nebenraum und wird nur zu definierten Zeiten gecheckt. Erstaunlich, wie viel mehr Zeit und Klarheit man plötzlich hat – für die wirklich wichtigen Dinge.

Ein gutes Körpergefühl ist essenziell.

Zumal in Zeiten von Social Media, in der kleinste Makel zur Misere werden. Und doch ist es keine einfache Übung, absolut überzeugend Body Positivity vorzuleben, wenn einem die eigene Eitelkeit und Ü-40-Dellen in die Quere kommen. Aber ich will meinen Kindern niemals vermitteln, dass ein Körper besser ist als der andere – weil er schlanker, wohlgeformter, jünger ist. So ist es auch eine gute Übung in Sachen Selbstliebe, allen immer wieder glaubhaft zu vermitteln, dass jeder auf seine Weise absolut schön ist…

Lieber bedacht statt bossy.

Vom Naturell her bin ich eher Team Bootcamp als Team Bedürfnisorientiert. Ich mal schnell Ansagen und bin leidlich begeistert, wenn es Diskussionbedarf gibt. Doch das eigene Verhalten plötzlich im Umgang der Kindern miteinander gespiegelt zu sehen: Schön ist das nicht.

So wie kürzlich, als meine Mittlere ihren kleinen Bruder feldwebelmäßig durchs Spiel kommandierte. Und ich reflexhaft für einen achtsameren Umgang plädieren wollte – bis ich mich in ihren Worten erkannte… Daher verpasse ich mir selbst gerade wieder eine Intensiv-Schulung in Sachen Ton und Geduld – ganz gleich, wie stressig, nervig, trubelig es gerade auch sein mag. Weil: Kooperationswille ensteht nicht durch Sätze mit Ausrufezeichen. Und Harmonie nicht, wenn einer den anderen diktiert, was er selbst nicht leisten kann.

Trotz alledem: Ich werde in diesem Leben keine Mutter Theresa mehr.

Ich stecke voller Widersprüche und Zweifel – und die spiegeln sich auch in meiner Mutterrolle wieder. Ich werde an schlechten Tagen immer noch fünfmal laut fluchen – und „Scheiße“ wird das Harmloseste sein. Ich werde rumbrüllen, obwohl ich doch zuhören wollte. Meinen Blick auf mein Handy und nicht auf die Kinder richten. Im Stehen essen, meiner Familie ins Wort fallen und mich für all das viel zu spät und viel zu schnell entschuldigen. So bin ich.

Und so sind meine Kinder auch oft. Und vielleicht gilt es, vor allem das zu akzeptieren: Dass ich nicht Glanzleistungen von meinen Kindern erwarten kann, wo ich selbst so fehlbar bin. Dass ich uns allen noch viel mehr zugestehen muss, Teilzeit-Vorbilder zu sein. Dass es wichtig ist, ein paar Leuchttürme zu definieren, die uns den Weg zu einem vorbildlichen Miteinander weisen. Dass Abweichungen davon aber vor allem eins sind: menschlich. Und ganz häufig eben auch mütterlich…

Hand aufs Herz: Seid ihr gute Vorbilder für eure Kinder? Und was ist euch besonders wichtig?

Foto: Oleg Ivanov/Unsplash

Alles Liebe,

Katia