Früher im Sportunterricht war ich nie besonders schnell. Gerade im Sommer, wenn wir jede Woche um den großen See in meiner kleinen Heimatstadt laufen mussten, rannte ich den anderen immer hinterher. Es war kein schönes Gefühl, höchstens einen Hauch von Turnschuh zu sehen und sie bloß einzuholen, wenn gerade mal eine Ampel rot war. Heute fühle ich mich ähnlich, bloß renne ich heute dem Leben hinterher…
Dauerlauf, Hektik, Familienalltag, Großfamilie, vier Kinder
Egal wie ich mich anstrenge, egal wie schnell ich mache, es gibt immer noch Wäsche einzuräumen und zusammenzunehmen, immer etwas zu flicken, immer eine Feier zu organisieren, einen Antrag auszufüllen, eine Rechnung zu überweisen, eine Mahlzeit vorzubereiten. Der Wohnzimmerboden um mich herum ist fast immer spielzeuggetupft (was hübscher klingt als es aussieht), das Sofa neben mir voll von Büchern und Zeitschriften (mit Artikeln mit Eselsohren, die ich irgendwann noch lesen will), mein Arbeitszimmer ist voll von Material für Blogartikel, Weihnachtsdeko und schnell entsorgtem Kram, ich kann es kaum betreten, mindestens zwanzig Artikelideen warten darauf, dass ich sie schreibe, davon vier mit Deadline und mein Einjähriger drückt neben mir auf den Tasten dieses Laptops herum, während ich das hier tippe. Mein Leben hält mir eine Stopuhr hin, auf der die Zeit herunter läuft. Wenn sie auf null springt, beginnt alles wieder von vorn.

Bitte nicht falsch verstehen. Ich liebe mein Großfamilienleben, meine Jobs, unser Haus, es ist genau das, was ich immer wollte. Trotzdem: dieser ewige Dauerlauf strengt mich an. Noch während ich renne, überlege ich verzweifelt, wie ich entweder noch schneller werden kann, um mein Leben wenigstens ab und zu mal einzuholen. Oder wie ich es schaffe, trotz Wettlauf mehr Verschnaufpausen einzubauen. Was mir schwer fällt, angesichts der Dauer-To-do-Liste in meinem Kopf. Wie oft denke ich, wenn es gerade mal ruhig ist: „Egal wie es aussieht, ich mache mir jetzt einen Kaffee (oder gönne mir eine Limo) und setze mich mit einem Buch oder Magazin eine Stunde aufs Sofa“. Dann denke ich: „Ach komm, bloß noch kurz aufräumen“ – und schon ist es nicht mehr ruhig.

Ich habe das Gefühl im Herbst (mit Weihnachten auf der Zielgerade) rast mein Leben noch schneller an mir vorbei und so sehr ich mir morgens vornehme, es ruhiger angehen zu lassen, brüllt es mir schon beim ersten Kaffee „schneller, schneller!“ zu. Ich renne und renne und erwische doch immer nur einen Zipfel der To-do-Liste. Hänge ich dran, zieht sie mich weiter. Ich weiß nicht, wie viele Geburtstage von Freunden ich dieses Jahr schon vergessen habe – ich hoffe die wirklichen verzeihen es mir. (Und meine Kinder auch, wenn ich sie völlig außer Lebens-Puste mal wieder angefratzt habe…)

Ich wäre nicht ich, wenn ich nicht versuchen würde, etwas zu ändern. Irgendwie Ruhe und Ordnung in unseren Alltag zu holen, auch wenn es unmöglich erscheint; immer mal wieder versuche ich das. Jetzt eben gerade mal wieder besonders intensiv. (Vielleicht habe ich diese Eigenschaft dem permanenten Hinterhergerenne damals in Sport in der Schule zu verdanken, wer weiß. Damals dachte ich auf jeden Fall öfter: „Euch zeig ichs irgendwann…“). Genauso mag ich es jetzt meinem Leben zeigen, indem ich einfach nicht mehr mit renne, höchstens ab und zu und im Schritttempo.

Was ich probieren möchte:
– „Eins nach dem anderen“ als mein Mantra denken. Immer und immer wieder. Nicht zu viele Pläne für den Tag machen. Mittelfristig statt kurzfristig planen: Ja, ich möchte regelmäßig Sport machen, aber das jetzt auch noch zu probieren, funktioniert einfach nicht. Also grad Bo und Blog statt Body. (Joggen dann eben wieder regelmäßig, wenn der Kleinste nächstes Jahr ein paar Stunden in die Kita geht). Auch ein paar schöne neue Projekte für den Blog eben erst dann…

– Drei Kiesel auf die Kücheninsel legen. Jeder steht für einen bewussten Pausenmoment mitten im Alltagschaos. Das kann mein Kaffee sein, den ich trinke, obwohl ich eigentlich die Wäsche anstellen wollte. Oder das Bilderbuch, dass ich noch vorlese (und wir eben ein wenig später in den Kindergarten und ich an den Schreibtisch komme). Abends müssen die drei Kiesel eingelöst sein (oder ich löse sie spätestens dann ein, mit lesen statt Wäsche zusammenlegen).

Ansprüche herunterschrauben. Akzeptieren, dass es bei uns chaotisch aussieht, so chaotisch, dass sogar manche Freundinnen große Augen machen. Ich habe mich für viele Kinder entschieden und für einen Haufen Projekte nebenbei, also kann ein daueraufgeräumtes Haus nicht meine oberste Priorität sein. Alles geht einfach nicht. Ich muss, ich will das akzeptieren, jeden Tag aufs neue.

– Ich habe ein Bullet Journal probiert, mir scheint das aber noch ein Stress-Faktor mehr in meinem Leben zu sein. André und ich habe auch schon diverse Online-Familienkalender getestet, aber irgendwie fand ich die unübersichtlich und habe nach kurzer Zeit nichts mehr eingetragen. Jetzt haben wir wieder den guten alten Kalender mit fünf Spalten im Flur hängen, bloß ist der natürlich unterwegs leider nie dabei. Habt ihr einen Tipp für eine App, mit der man all die Familientermine, Geburtstage und übersichtlich organisieren kann (gern auch mit Platz für To-Do-Listen und Listen mit Geschenkideen)

– Immer und immer ein Thema bei mir: Bildschirmzeit verkürzen. Nicht leicht, wenn der Bildschirm wie bei mir einen großen Anteil der Arbeit (und des Hobbies) ausmacht. Versuchen möchte ich es trotzdem. (Ich plane sogar eine Online-Auszeit Anfang des Jahres, obwohl ich gar nicht weiß, ob ich das aushalte. Irgendwie ist das Internet ja auch meine kleine Auszeit im Alltag (mein „Was-für-mich-Ding). Aber ich möchte es einfach mal ausprobieren, was das mit mir, mit uns macht, mal einen Monat nicht in die bunte Social Media Welt entfliehen zu können, und so viel mehr Extrazeit für andere Dinge zu haben.

Was schon ganz gut klappt:
Hilfe im Haushalt annehmen.

– André und ich nutzen die App „Bring“ auf dem Handy und tragen dort sofort ein, was wir brauchen. Im Supermarkt muss man bloß noch die Liste abarbeiten. Seither haben wir keine doppelten Bananenstapel mehr – und eigentlich immer Milch im Kühlschrank.

– Uns öfter mal trennen, um abends wieder eins zu sein: Gerade jetzt im Herbst und Winter merke ich, dass es häufiger knallt, wenn wir lange alle zusammen im Haus sind. Mein Ideal von „jeder macht in Ruhe sein Ding“ bei gleichzeitig harmonischem Zusammensein funktioniert leider nicht immer. Was hilft: Auch mal Dinge getrennt machen. Der eine fährt mit zwei Kindern schwimmen, die anderen bleiben zuhause und laden vielleicht einen Spielfreund ein. Das widerspricht ein wenig meiner ursprünglichen Vorstellung von einem Familienwochenende – sorgt aber für ruhige Stunden (und Exklusivzeit mit jedem Kind). Und abends beim Essen haben sich alle wirklich was zu erzählen (statt durchzudrehen).

– Für die guten Momente, die Minuten, in denen die Kinder miteinander spielen, die Momente, in denen ich kurz mit einem Kaffee am Fenster stehe und den letzten gelben Blätter beim Herumwehen zuschaue, für all diese Momente mehr, male ich neuerdings ein kleines Herz in den Papier-Kalender (oder einfach auf ein Blanko-Blatt). Zum Glück gibts die nämlich jeden Tag, man vergisst sie beim Dauerwettrennen bloß oft.

Habt ihr Tipps für mehr Ruhe im Alltag? Ich brenne drauf, sie zu hören…

PS. Ein Foto vom ewigen Wettlauf hatte ich nicht. Da fotografiere ich ja nicht, da renne ich. Hier also ein Kalenderherz-Moment.

Alles Liebe,

Claudi