Abgestillt. Punkt.

Sep
30/19

Am schlimmsten ist der Punkt. Der bedeutet: fertig. Ende. Aus. Ich atme. Ich fühle in Richtung Bauch und Augen, ob da etwas grummelt oder tränt. Es passiert nichts. Ich sitze am Esstisch und schreibe über das, was mich gerade am allermeisten beschäftigt und draußen pladdert Herbstregen auf den nassen Verandaboden. Eigentlich ist ja nichts. Eigentlich ist alles wie immer. Bloß, dass ich nicht mehr stille. Nie mehr stillen werde…
Abstillen
Ich weiß nicht, ob es das ist, was mir die ganze Zeit über am meisten Angst gemacht hat: der Punkt. Dieses Absolute. Ich mag keine Sätze, die mit „nie mehr“ anfangen. Nie mehr schwanger werden – schrecklicher Satz. Obwohl ich ganz wirklich nicht noch einmal schwanger werden möchte, weil unsere Familie super ist, so wie sie ist. (So klingt es viel besser). Verrückterweise fand ich das „nie wieder“ selbst bei Jobs seltsam, die ich nicht besonders mochte.

Stillen war ein Job den ich sehr mochte. Ich habe vier Kinder gestillt, alle unterschiedlich lange, aber alle beinahe jedes einzige Stillmal sehr gern. Dabei war der Job nie leicht, zumindest am Anfang nicht. Bei meinem ersten Kind hat es sechs Wochen gedauert, bis es überhaupt klappte. Ich habe bis dahin Bettlaken tränennass geweint, weil ich so unbedingt stillen wollte. Ich hatte lange Zeit ein Bild im Kopf: mein Baby und ich, stillend auf dem Sofa. Dieses Bild von mir als Mutter hing in meinem Kopf, lange bevor ich Mutter wurde. Als das Stillen doch noch klappte, hätte ich den ganzen Tag Milchpumpen stemmen können vor Glück.

Ich habe mein erstes Kind mit eineinhalb Jahren abgestillt, weil ich ein zweites Kind plante, mein Zyklus aber während des Stillens komplett ruhte. Mein zweites Kind hat sich selbst abgestillt, mit acht Monaten. Ich war ein wenig beleidigt. Aber ich konnte es verstehen. Wir haben zu der Zeit ein Haus gebaut, mein Mann parallel seine Kanzlei, es war einfach immer irgendwie hektisch, der große Kleine irre eifersüchtig. Ich stillte an der frisch verputzen Wand auf der Baustelle, im Stehen an der Discounterkasse oder mit einem schluchzenden Zweijährigen im anderen Arm. Kein großer Stillspaß. Dieses Kind ist bis heute das entscheidungsfreudigste von allen.
Tipps zum abstillen,
Bei meinem dritten Sohn war es besonders hart. Ich dachte eine ganze Weile, er würde mein letztes Kind bleiben. Deshalb versuchte ich, seine Babyzeit besonders intensiv zu genießen, was das Genießen manchmal anstrengend machte. Irgendwie lag auf allem eine dünne Schicht Melancholiestaub. Als es sich ziemlich überraschend doch noch ergab, dass wir uns ein viertes vorstellen konnten, stillte ich nach eineinhalb Jahren ab. Mir blieb keine andere Wahl, weil mein Zyklus wieder ruhte. Und ich wegen meines Alters nicht ewig Zeit hatte. Und er angefangen hatte zu beißen. Das Abstillen war schrecklich. Drei lange Nächte lang schlief und schluchzte ich mit ihm im Gästezimmer. Drei Nächte lang weinten wir beide. Ich wiegte ihn, streichelte und tröstete ihn, ich wusste ja, wofür ich es tat. Es tat dennoch weh.

„Nicht noch einmal wieder…“, hatte ich mir danach geschworen. Sollten wir ein viertes Kind bekommen, sollte es sich allein abstillen dürfen. Ich habe kein Kind so bewusst gestillt, wie mein letztes. Ich habe es geliebt, dabei selbst durchzuatmen. Seine Stillpause war auch meine Pause. Seine Stillzeit war unsere Kuschelzeit, seine Exklusivzeit – oft die einzige am Tag, die er mal nur mit mir hatte. Obwohl ich wusste, dass es dieses Mal wirklich das letzte Mal sein würde, musste ich oft lächeln beim Stillen. Es fühlte sich die allermeiste Zeit über süß statt bittersüß an, weil ich einfach so dankbar und glücklich war, dass ich das alles tatsächlich noch ein viertes Mal erleben durfte. Wenn ich drüber nachdachte, freute ich mich auch auf das, was danach kam. Auf Freiheit.

Manchmal kann man sich auf das, was danach kommt, besonders freuen, wenn es noch nicht kommt. Je älter er wurde, je öfter andere Leute überrascht nachfragten: „Was, du stillst immer noch?“, desto mulmiger wurde mir. Er machte keine Anstalten, sich wie geplant selbst abzustillen. Irgendwann beendete ich die Stillerei tagsüber – die tobige Selbstverständlichkeit, mit der er überall meinen nackten Busen auspackte, fühlte sich für mich nicht mehr gut an. Abends und nachts und morgens genoss ich dagegen unsere Kuscheleinheiten. Es war so einfach: Andocken half gegen alles. Ins Bett bringen war leicht.

Nach dem zweiten Geburtstag fand mein Kopf, dass es langsam reichte. Ich aber fand eine Ausrede nach der anderen, noch nicht abzustillen: Weil es auf Reisen so praktisch war. Weil ich in der heißen Kochbuchphase dafür keinen Kopf hatte. Meine Brust war nachts längst ein Selbstbedienungsladen. Mein Kleinkind wurde mehrmals wach, quengelte kurz und robbte dran. Ich wurde nie ganz wach, aber jedes mal ein bisschen. Meistens genoss ich es, manchmal hätte ich mich gern weggedreht. Irgendwann begann er an meinem Shirt zu zerren und dabei laut zu schmatzen. Zeigte morgens auf meinen Busen und jauchzte. Die anderen Jungs fragten vorsichtig, ob ich sie auch mal wieder in Ruhe ins Bett bringen könnte. Der Vierjährige wünschte sich, auch mal wieder in Ruhe zu kuscheln: „Mein Bauch an deinem Bauch“, meinte er. „Nicht immer bloß mein Bauch an deinem Rücken wegen Baby. Manno, Mama.“

Irgendwie wurde mir jeden Tag bewusster, dass es Zeit wurde. Zeit dafür, dass ich mal wieder durchschlief. Dass ich nachts mal wieder Arm in Arm mit meinem Mann da lag. Dass ich mal wieder die Großen ins Bett brachte und er das Baby. Dass es Zeit wurde für ein Glas Wein mit einer Freundin. Als klar war, dass ich demnnächst nur mit meinem Mann ein paar Tage und Nächte beruflich unterwegs und die beiden Omas und Opas auf die Kinder aufpassen würden, tickte die Abstilluhr. Aber ich fand es nicht nur schlimm. Irgendwie war es gut, dass etwas mir die endgültige Entscheidung abnahm. Ich bereitete mich nicht vor, das einzige was ich tat, war, mir ganz bewusst Dinge zu überlegen, die ich statt Stillen allein mit ihm machen könnte: Morgens, wenn die Großen weg und der kleine Mittlere noch schlief, ein Buch lesen zum Beispiel. Aneinandergekuschelt. Es war gut zu merken, dass wir uns auch ohne Brust nah sein konnten.

So richtig starteten wir dann ein paar Abende vorher, in dem mein Mann den Kleinsten einfach mal versuchte ins Bett zu bringen. Ganz ohne Milch, bloß mit einer Flasche mit Wasser. Es ging ohne Probleme. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Aber ich freute mich für ihn. Dann brauchte ich ein paar Tage, um nicht bloß zu sagen, dass ich abstille, sondern es wirklich zu tun. Ich sagte mir ein paar Mal „Das wars jetzt“, filmte uns nochmal dabei, schluckte ein paar Tränen hinunter. Und dann war dieses Mal aus unterschiedlichen Gründen doch noch nicht das letzte Mal. Ich glaube, das wirklich allerletzte Mal war ein ruppiges Motzstillen mitten in der Nacht, bei dem er andockte, saugte und einschlief – sobald ich mich aber wegdrehen wollte, wieder motzte, wieder andockte und wieder einschlief. Und ein paar Mal so weiter.
Abstillen, Tipps zum Abstillen.
Es dauerte drei Nächte. Drei Nächte, in denen er in der ersten Nacht oft wach wurde und wir ihn trösteten, wiegten und streichelten. In der zweiten Nacht ein paar Mal weniger. Und in der letzten Nacht nur noch einmal, gegen Morgen. Ich musste nicht mitweinen. Ich streichelte ihn – und manchmal bekam mein Arm ein bisschen streicheln ab. Ich zeigte ein paar Mal auf meine Brust und erklärte ihm, dass sie leer sei. „Alle…“, meinte er, mal lächelnd, mal traurig.

Morgens war ich ein paar Mal traurig, besonders am Samstagmorgen. Weil er immer wieder noch einmal eingeschlafen war an der Brust, wenn wir ausschlafen konnten. Wir hatten ewig so aneinandergekuschelt da gelegen, sein blonder Haarflaum an meiner Nase. Jetzt war er um sieben wach. Und wollte ganz unbedingt aufstehen.

Ich habe abgestillt. Punkt. Es ist ein bisschen traurig. Aber zum Glück kommen nach dem Punkt noch viele Wörter, Sätze, Geschichten.

Ich habe abgestillt und alles ist wie immer. Und alles neu. Immer.

Ein paar wirklich gute Abstilltipps habe ich hier gefunden. (Leider nur auf Englisch).
PS. Wie ich mich abgestillt habe. Ähm, und ihn…

Alles Liebe,

12 Kommentar zu “Abgestillt. Punkt.

  1. Anna on 30. September 2019 at 08:49 geschrieben

    Schluck😢 bei uns ist es auch bald soweit, unser drittes (und sehr wahrscheinlich auch letzes Kind) wird wohl auch nicht mehr lange gestillt werden. Ich habe 3 wunderbare Stillzeiten jeweils mindestens ein Jahr genossen und es ist wie du schreibst- jetzt kommt was NEUES! Es tut gut zu wissen dass ich mit diesen gemischten Gefühlen nicht allein bin☺️
    Viele Grüße von Anna

  2. Metta on 30. September 2019 at 08:50 geschrieben

    Dieser Text trifft von vorne bis hinten mein Leben in den letzten sieben Jahren ( komplett! Inklusive des selbst Abstillens und der Beiß – Phase! Nur die Sache mit der Kanzlei und dem Umbau haben wir ausgelassen ) . Nummer vier ist allerdings erst acht Monate alt und ich genieße noch ein kleines bisschen mehr. Hier sammelt sich allerdings trotz der Vorfreude auf viele neue Dinge doch ein wenig Melancholie-Staub… Von daher wird es wohl noch eine Weile so gehen

    • Claudia on 30. September 2019 at 22:52 geschrieben

      Dann wünsche ich dir noch viele schöne Still-Momente! Und Staubwischen wird ja eh überbewertet ; )
      Alles Liebe!
      Claudi

  3. Tine on 30. September 2019 at 11:21 geschrieben

    Jedes Wort. So schön. So wahr. So wahnsinnig sind wir Mamas. Und so gut ist das. Ich verstehe alles und freue mich ganz und gar nicht auf die Zeit des nächsten Abstillens. Meine kleinste wird morgen ein Jahr alt, ich freue mich, dass ich noch ein bisschen Zeit habe mich damit beschäftigen zu müssen… Und wenn es dann soweit ist, lese ich deine Zeilen wieder. Beim anderen Kind habe ich Deinen älteren Text „Wie ich ihn, zähem mich ab stillte“ auch sehr genossen 😉 Herzlichst alles liebe für Euch

    • Claudia on 30. September 2019 at 22:50 geschrieben

      Ja, wir Mamas. Verrückt sind wir. Schön verrückt.
      Und gut, dass wir mit all diesen Gefühlen nicht allein sind.
      Alles Liebe!

  4. Mila on 30. September 2019 at 19:23 geschrieben

    Liebe Claudia,

    Du sprichst mir aus der Seele. Obwohl Du vom wirklich letzten Stillbaby sprichst und ich noch mindestens ein weiteres will, habe ich das Gefühl es ist das letzte Mal, dass ich stille und deswegen fällt es mir gerade so schwer, es aufzugeben, denn mein Mann spricht so wie deiner vor ein paar Jahren (eventuell ohne den Hund). Wie hast du Deinen nur „überredet“?

    • Claudia on 30. September 2019 at 22:49 geschrieben

      Ich musste nicht überreden, irgendwann hat er einfach Ja gesagt.
      Ich denke, er wusste, was für eine große Freude er mir damit macht.
      Und er merkte immer mehr, dass er sich selbst eine Menge Partner für Gesellschaftsspiele heranzieht.
      Ich drücke dir die Daumen!
      Claudi

  5. Marleen on 30. September 2019 at 21:49 geschrieben

    So ein toller Text wieder 😊
    Ich bin auch gerade mit meinem 3.Stillkind in der Abstillphase – es ist irgendwie ein Schwanken zwischen Wehmut und der Vorfreude auf die „wiedergewonnene Freiheit“
    Alles Liebe für euch.
    Apropos Vorfreude – auf dein Kochbuch freue ich mich auch schon total und bin sehr gespannt. LG Marleen

    • Claudia on 30. September 2019 at 22:46 geschrieben

      Liebe Marleen, das freut mich wirklich sehr!!! Und in Sachen Kochbuch-Vorfreude gibt’s zum Glück keinen Wehmut.
      Alles Liebe!
      Claudi

  6. Kerstin on 1. Oktober 2019 at 09:20 geschrieben

    Das ist genau das, was ich gerade brauche. Texte lesen von Menschen, die genau so denken wie ich. Jetzt komme ich mir schon gar nicht mehr wie ein Außerirdischer vor.
    Ich stille mein drittes Kind, er wird nächste Woche 2. Ich warte auch darauf, dass er sich vllt mal selbst abstillt, weil ich ihm diesen „Zwang“ nicht auferlegen möchte. Aber es ist kein Ende in Sicht! Und so langsam hadere ich und weiß nicht, ob ich nur noch für ihn Stille oder auch sogar für mich? Und weil es definitiv das Letzte mal ist, auch nicht loslassen kann. Andererseits bleibt dadurch schon auch recht viel auf der Strecke…
    Kommt der Punkt noch, an dem ich es richtig satt bin und bemerke ich den?
    Bis dahin genieße ich das kuschelige Regenwetter und schaue meinem Sohn zu, der nach dem Stillen so viel Energie besitzt, dass er die Welt erobert. Und freu mich, dass es noch ein kleines bisschen weiter geht. Wenn auch nicht mehr lange…

  7. Michaela von Elm on 8. Oktober 2019 at 15:20 geschrieben

    Ich freue mich sehr für Dich!!! Meine Maus ist jetzt 2,5 Jahre und ich sollte jetzt auch aufhören zu stillen, vor allem, weil der Milchzucker die Zähne angreift. Aber ich weiß nicht wie…ich will keine durchweinten Nächte. Wieso kann sich das Baby ähm Kleinkind nicht selbst abstillen? Das wäre so toll! Heute war erster Kindergartentag. Da kann ich doch nicht abstillen. Im November fange ich an zu arbeiten. So viele Veränderungen und dann noch abstillen? Vielleicht an Weihnachten/Neujahr? Ich habe keinen Plan. Hast Du noch mehr Tipps?

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Post Navigation