Am schlimmsten ist der Punkt. Der bedeutet: fertig. Ende. Aus. Ich atme. Ich fühle in Richtung Bauch und Augen, ob da etwas grummelt oder tränt. Es passiert nichts. Ich sitze am Esstisch und schreibe über das, was mich gerade am allermeisten beschäftigt und draußen pladdert Herbstregen auf den nassen Verandaboden. Eigentlich ist ja nichts. Eigentlich ist alles wie immer. Bloß, dass ich nicht mehr stille. Nie mehr stillen werde…
Abstillen
Ich weiß nicht, ob es das ist, was mir die ganze Zeit über am meisten Angst gemacht hat: der Punkt. Dieses Absolute. Ich mag keine Sätze, die mit „nie mehr“ anfangen. Nie mehr schwanger werden – schrecklicher Satz. Obwohl ich ganz wirklich nicht noch einmal schwanger werden möchte, weil unsere Familie super ist, so wie sie ist. (So klingt es viel besser). Verrückterweise fand ich das „nie wieder“ selbst bei Jobs seltsam, die ich nicht besonders mochte.

Stillen war ein Job den ich sehr mochte. Ich habe vier Kinder gestillt, alle unterschiedlich lange, aber alle beinahe jedes einzige Stillmal sehr gern. Dabei war der Job nie leicht, zumindest am Anfang nicht. Bei meinem ersten Kind hat es sechs Wochen gedauert, bis es überhaupt klappte. Ich habe bis dahin Bettlaken tränennass geweint, weil ich so unbedingt stillen wollte. Ich hatte lange Zeit ein Bild im Kopf: mein Baby und ich, stillend auf dem Sofa. Dieses Bild von mir als Mutter hing in meinem Kopf, lange bevor ich Mutter wurde. Als das Stillen doch noch klappte, hätte ich den ganzen Tag Milchpumpen stemmen können vor Glück.

Ich habe mein erstes Kind mit eineinhalb Jahren abgestillt, weil ich ein zweites Kind plante, mein Zyklus aber während des Stillens komplett ruhte. Mein zweites Kind hat sich selbst abgestillt, mit acht Monaten. Ich war ein wenig beleidigt. Aber ich konnte es verstehen. Wir haben zu der Zeit ein Haus gebaut, mein Mann parallel seine Kanzlei, es war einfach immer irgendwie hektisch, der große Kleine irre eifersüchtig. Ich stillte an der frisch verputzen Wand auf der Baustelle, im Stehen an der Discounterkasse oder mit einem schluchzenden Zweijährigen im anderen Arm. Kein großer Stillspaß. Dieses Kind ist bis heute das entscheidungsfreudigste von allen.
Tipps zum abstillen,
Bei meinem dritten Sohn war es besonders hart. Ich dachte eine ganze Weile, er würde mein letztes Kind bleiben. Deshalb versuchte ich, seine Babyzeit besonders intensiv zu genießen, was das Genießen manchmal anstrengend machte. Irgendwie lag auf allem eine dünne Schicht Melancholiestaub. Als es sich ziemlich überraschend doch noch ergab, dass wir uns ein viertes vorstellen konnten, stillte ich nach eineinhalb Jahren ab. Mir blieb keine andere Wahl, weil mein Zyklus wieder ruhte. Und ich wegen meines Alters nicht ewig Zeit hatte. Und er angefangen hatte zu beißen. Das Abstillen war schrecklich. Drei lange Nächte lang schlief und schluchzte ich mit ihm im Gästezimmer. Drei Nächte lang weinten wir beide. Ich wiegte ihn, streichelte und tröstete ihn, ich wusste ja, wofür ich es tat. Es tat dennoch weh.

„Nicht noch einmal wieder…“, hatte ich mir danach geschworen. Sollten wir ein viertes Kind bekommen, sollte es sich allein abstillen dürfen. Ich habe kein Kind so bewusst gestillt, wie mein letztes. Ich habe es geliebt, dabei selbst durchzuatmen. Seine Stillpause war auch meine Pause. Seine Stillzeit war unsere Kuschelzeit, seine Exklusivzeit – oft die einzige am Tag, die er mal nur mit mir hatte. Obwohl ich wusste, dass es dieses Mal wirklich das letzte Mal sein würde, musste ich oft lächeln beim Stillen. Es fühlte sich die allermeiste Zeit über süß statt bittersüß an, weil ich einfach so dankbar und glücklich war, dass ich das alles tatsächlich noch ein viertes Mal erleben durfte. Wenn ich drüber nachdachte, freute ich mich auch auf das, was danach kam. Auf Freiheit.

Manchmal kann man sich auf das, was danach kommt, besonders freuen, wenn es noch nicht kommt. Je älter er wurde, je öfter andere Leute überrascht nachfragten: „Was, du stillst immer noch?“, desto mulmiger wurde mir. Er machte keine Anstalten, sich wie geplant selbst abzustillen. Irgendwann beendete ich die Stillerei tagsüber – die tobige Selbstverständlichkeit, mit der er überall meinen nackten Busen auspackte, fühlte sich für mich nicht mehr gut an. Abends und nachts und morgens genoss ich dagegen unsere Kuscheleinheiten. Es war so einfach: Andocken half gegen alles. Ins Bett bringen war leicht.

Nach dem zweiten Geburtstag fand mein Kopf, dass es langsam reichte. Ich aber fand eine Ausrede nach der anderen, noch nicht abzustillen: Weil es auf Reisen so praktisch war. Weil ich in der heißen Kochbuchphase dafür keinen Kopf hatte. Meine Brust war nachts längst ein Selbstbedienungsladen. Mein Kleinkind wurde mehrmals wach, quengelte kurz und robbte dran. Ich wurde nie ganz wach, aber jedes mal ein bisschen. Meistens genoss ich es, manchmal hätte ich mich gern weggedreht. Irgendwann begann er an meinem Shirt zu zerren und dabei laut zu schmatzen. Zeigte morgens auf meinen Busen und jauchzte. Die anderen Jungs fragten vorsichtig, ob ich sie auch mal wieder in Ruhe ins Bett bringen könnte. Der Vierjährige wünschte sich, auch mal wieder in Ruhe zu kuscheln: „Mein Bauch an deinem Bauch“, meinte er. „Nicht immer bloß mein Bauch an deinem Rücken wegen Baby. Manno, Mama.“

Irgendwie wurde mir jeden Tag bewusster, dass es Zeit wurde. Zeit dafür, dass ich mal wieder durchschlief. Dass ich nachts mal wieder Arm in Arm mit meinem Mann da lag. Dass ich mal wieder die Großen ins Bett brachte und er das Baby. Dass es Zeit wurde für ein Glas Wein mit einer Freundin. Als klar war, dass ich demnnächst nur mit meinem Mann ein paar Tage und Nächte beruflich unterwegs und die beiden Omas und Opas auf die Kinder aufpassen würden, tickte die Abstilluhr. Aber ich fand es nicht nur schlimm. Irgendwie war es gut, dass etwas mir die endgültige Entscheidung abnahm. Ich bereitete mich nicht vor, das einzige was ich tat, war, mir ganz bewusst Dinge zu überlegen, die ich statt Stillen allein mit ihm machen könnte: Morgens, wenn die Großen weg und der kleine Mittlere noch schlief, ein Buch lesen zum Beispiel. Aneinandergekuschelt. Es war gut zu merken, dass wir uns auch ohne Brust nah sein konnten.

So richtig starteten wir dann ein paar Abende vorher, in dem mein Mann den Kleinsten einfach mal versuchte ins Bett zu bringen. Ganz ohne Milch, bloß mit einer Flasche mit Wasser. Es ging ohne Probleme. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Aber ich freute mich für ihn. Dann brauchte ich ein paar Tage, um nicht bloß zu sagen, dass ich abstille, sondern es wirklich zu tun. Ich sagte mir ein paar Mal „Das wars jetzt“, filmte uns nochmal dabei, schluckte ein paar Tränen hinunter. Und dann war dieses Mal aus unterschiedlichen Gründen doch noch nicht das letzte Mal. Ich glaube, das wirklich allerletzte Mal war ein ruppiges Motzstillen mitten in der Nacht, bei dem er andockte, saugte und einschlief – sobald ich mich aber wegdrehen wollte, wieder motzte, wieder andockte und wieder einschlief. Und ein paar Mal so weiter.
Abstillen, Tipps zum Abstillen.
Es dauerte drei Nächte. Drei Nächte, in denen er in der ersten Nacht oft wach wurde und wir ihn trösteten, wiegten und streichelten. In der zweiten Nacht ein paar Mal weniger. Und in der letzten Nacht nur noch einmal, gegen Morgen. Ich musste nicht mitweinen. Ich streichelte ihn – und manchmal bekam mein Arm ein bisschen streicheln ab. Ich zeigte ein paar Mal auf meine Brust und erklärte ihm, dass sie leer sei. „Alle…“, meinte er, mal lächelnd, mal traurig.

Morgens war ich ein paar Mal traurig, besonders am Samstagmorgen. Weil er immer wieder noch einmal eingeschlafen war an der Brust, wenn wir ausschlafen konnten. Wir hatten ewig so aneinandergekuschelt da gelegen, sein blonder Haarflaum an meiner Nase. Jetzt war er um sieben wach. Und wollte ganz unbedingt aufstehen.

Ich habe abgestillt. Punkt. Es ist ein bisschen traurig. Aber zum Glück kommen nach dem Punkt noch viele Wörter, Sätze, Geschichten.

Ich habe abgestillt und alles ist wie immer. Und alles neu. Immer.

Ein paar wirklich gute Abstilltipps habe ich hier gefunden. (Leider nur auf Englisch).
PS. Wie ich mich abgestillt habe. Ähm, und ihn…

Alles Liebe,

Claudi