Bei mir ist gerade Eigentlich-Zeit. Eigentlich mag ich jetzt gern zurückblicken auf das scheidende Jahr, aber vor allem – wie immer – nach vorn schauen, auf das neue. Doch gerade ist nichts wie immer. Eigentlich würde ich jetzt den fünfspaltigen Familienkalender mit den wiederkehrenden Hobbys und ersten Dates des neuen Jahres füllen. Eigentlich würde ich jetzt ein paar Pflöcke in 2021 einschlagen, hier unser Paar-Auszeit-Wochenende in St. Peter, da das Sommerfest unserer Nachbarn, hier unser großes Dorfpicknick. Eigentlich würde ich die dunklen Monate dafür nutzen, schöne Urlaube, Ausflüge und Zusammenkünfte zu planen. Eigentlich ist die Vorfreude auf all die Möglichkeiten eines taufrischen Jahres immer das Beste am Januar…

Bislang aber gibt es keinen Kalender, keinen Hobby-Rhythmus, keinen konkreten Plan für nichts. Weil es zu trist wäre, wieder alles durchzustreichen, umzuwerfen, neu zu planen. Es fühlt sich so an, als wäre gleich zu Beginn die Luft raus. Genau genommen, als würde nichts wirklich neu beginnen. Ich fühlte mich ein bisschen betrogen, von der Ungewissheit, vom Leben, von meinen trüben Gedanken, als mir beim Kramen auf dem Dachboden meine alte Tafel in die Hände fiel: der Holzrahmen salbeigrün, die Kreidefarbe verblasst. Jahrelang hatte sie bei meinem Mann – damals noch meinem Freund – und mir in unserer Mini-Küche auf Hamburg-St. Pauli gehangen.

Mal kritzelten wir Einkaufszettel, mal kleine Botschaften darauf . (Das war vor den drei Krachmacher-Kindern, da hatten wir noch Muße, uns morgens in Kreide  „Viele Küsse, bis heute Abend“ zu wünschen.) Am Ende eines dieser weit entfernten Jahre war da plötzlich diese Idee: „Lass uns dem kommenden Jahr ein Motto verpassen“. Ich war Feuer und Flamme. Eine persönliche Leitplanke für die kommenden zwölf Monate, als Richtungsweiser, Orientierung nur für uns zwei, unabhängig vom Rest der Welt.  Es war aufregend. Ganz so, als hätten wir ein bisschen mehr in der Hand, was die Zukunft bringen würde. Unsere ganz eigene Wir-machen-uns-die-Welt-wie-sie-uns-gefällt- Formel. Es wurde ein langer Abend.

 

Das erste Jahr erklärten wir feierlich zum „Jahr der Träume“.

Fein säuberlich mit heller Kreide auf dunklen Grund gemalt, in Großbuchstaben, für den nötigen Nachdruck. Und tatsächlich erlitt dieses Projekt nicht den gleichen Schiffbruch wie viele meiner anderen ambitionierten Neujahrs-Pläne („Mehr Sport! Weniger Carbs!! Viel mehr Lässigkeit!!!) Anstatt meine Selbstoptimierung wie sonst ab Woche vier auf dem Friedhof der Vorsätze zu beerdigen, stand ich häufig einfach unter dieser Tafel und horchte in mich hinein: Welche Träume schlummerten da? Tat ich, was ich wirklich wollte? Was mich glücklich machte? Das Motto war wie ein Katalysator meiner Gedanken, das ein inneres Debatten-Inferno entfachte: Was denn mit meinem Traum vom Landleben passiert sei? Und wann ich denn mit der Kinderschar loslegen wollte, die ich mir zuzulegen gedachte? Wenn ich erstmal Chefredakteurin irgendwo war, so mit knapp 40 vielleicht? Und waren 45-Stunden-Wochen wirklich meine Idee von einem erfüllten (Arbeits-)Leben? Die Tafel gab mir zu denken. Und zwar nicht zu knapp.

Im Sommer besagten Jahres schlug ich einen Job-Wechsel mit Karriere-Option in München aus und rang meinem damaligen Chefredakteur stattdessen eine spontanen Sabbatical-Auszeit im wunderschönen Wendland ab. Bis heute eine der besten Entscheidungen meines Lebens: Drei Monate am Stück Urban-Detox in unserem damaligen Wochenendhäuschen – allein mit mir und dem Sommer – und am Wochenende noch dazu mit meinem Freund. All das in einer verwunschenen ausgebauten Scheune mit windschiefen Balken und himmelblau gepinselten Türen. Mein, unser beider liebster Sehnsuchtsort, bis heute.

 

Das nächste Jahr deklarierten wir als das „Jahr der Liebe“.

Die Tafel zierte ein großes Herz. Irgendwie machte so ein Motto alles so viel klarer und Entscheidungen einfacher: Warum Dinge halbherzig anpacken, wenn man sie mit Leidenschaft betreiben kann? Warum sich nur müde „Gute Nacht“ zumurmeln und die Decke über den Kopf ziehen, wenn man doch wie früher eng aneinander geschmiegt einschlummern kann? Das Jahr endete mit meiner ersehnten ersten Schwangerschaft. Im „Jahr des Wagemuts“ wurden wir Eltern unseres ersten Sohnes – und tauschten unsere vier Wände im quirligen Herz von St. Pauli dauerhaft gegen eine wunderschöne Wohnung auf einem uns unbekannten Dorf. Wir haben es nie bereut. Hier leben wir seit über acht Jahren. Und irgendwie haben wir das das auch ein bisschen unserer ramponierten Tafel zu verdanken.

An all das dachte ich kürzlich auf dem Dachboden. Und fing an darüber nachzugrübeln, ob derzeit wirklich alles nur unbeständig, unzuverlässig, unplanbar ist. Oder ob ich nicht doch viel mehr in der Hand habe, zumindest im Kleinen. Klar, der Lockdown macht vieles schwer bis unmöglich, große Verabredungen, Reisen, Restaurantbesuche. Aber wenn im Außen nichts zu holen ist, muss man sich eben nach innen wenden. Und warum diese Selbstwirksamkeit nicht unter ein Motto stellen, das 2021 einen guten Dreh und Drive verleiht? Ich wollte plötzlich ganz dringend wieder diesen Lotsen durch unser Leben, gerade jetzt. Der Einfall kam erneut von meinem Mann.

 

Ich wünsche mir das „Jahr des Ja“!

Die Idee war so simpel wie super. Denn Fakt ist: Wir sagen viel zu häufig „Nein“. Jedes Nein schränkt ein, engt ein, schließt aus – und ist unser aller Leben nicht gerade beschränkt genug? Wir alle prallen pandemiebedingt dauernd gegen Verbote und Restriktionen – aus zumeist nachvollziehbaren Gründen. Spaß macht das selten. Und wir führen das öffentliche Nein munter im Privaten fort: Das herkömmliche „Nein“ zu Süßigkeiten, zur dritten Folge „Checker Tobi“ oder zum Lego Millenium Falken für 800 Euro. Aber eben auch „Nein“ zu Tobe-Gebrüll („Das ist zu laaaaut!!!“), obwohl die Kinder gerade super spielen und sich mal nicht gegenseitig die Köpfe einhauen. Oder das Innerer-Schweinehund-Nein zum Joggen im Schneegriesel, obwohl ich weiß, dass der Kopf danach frischer und die Laune besser ist.

Die Tafel steht jetzt wieder hier, gut sichtbar auf dem alten Tellerregal inmitten unserer Wohnküche. „Das Jahr des Ja“ steht darauf, in etwas krakeliger Kinderschrift, mein ältester Sohn hat es geschrieben. Als Vereinbarung, dass wir alle mehr „Ja“ zu unserem trubeligen Leben sagen wollen. Mehr “Ja“ zum Spielzeug und Schoki teilen, zu „Mama, bitte JETZT vorlesen!“, zu „Nur noch fünf Minuten spielen, jaaaa?“ Neue Abenteuer werden damit gleich plausibler. Und die Chance, selbst etwas bewirken zu können.

 

Auch „Ja“ zu all den Unsicherheiten, die diese Zeit mit sich bringt.

Wenn kein Plan seine Gültigkeit behält, dann üben wir uns doch endlich mal wieder in Spontanität. Vielleicht können wir dieses Jahr nicht den ersehnten Urlaub am Mittelmeer machen? Ja, dann machen wir etwas anderes, was näher liegt (tolle Tipps dazu gibt es in dem wunderbaren Buch „Tiny Adventures – Unterwegs in Deutschland“. Wir wissen nicht, wann wir unseren Paar-Trip an die Nordsee machen können? Ja, dann schaufeln wir uns mit Opas Hilfe einen Abend kinderfrei und machen eben Wellness zuhause. Ich will all diese Fragezeichen nicht mehr als Ärgernis begreifen, sondern als Gelegenheit, mich selbst für etwas anderes zu entscheiden. „Ja“ hat etwas damit zu tun, wie ich auf die Dinge blicke, ich sehe und schaffe mehr Möglichkeiten, Spielräume. Für etwas, das mir und uns gefällt. Und das fühlt sich gar nicht mehr nach Notnagel an.

Habt ihr auch ein Motto?

Ein frohes, spannendes, gesundes neues Jahr, trotz allem!

Anna