Ein Jahr war zu Besuch. Als Dauergast bei uns zu Hause – so fühlt es sich zumindest jedes Mal an. Immer kurz vor Silvester frage ich mich, wie er dieses Mal so drauf war, der Besuch. War es ein Mann oder eine Frau (dieses Jahr war definitiv eine Sie). Wie war ihr Musikgeschmack (Gitarrenmusik, mal rockig, mal schwermütig). Was für Geschichten hat sie erzählt? Und wie hat es sich angefühlt, ihr Gastgeber zu sein…?

Die 2019, die ist ein lässiger Gast. Trägt abblätternden Nagellack und alte Jeans. Erst dachte ich: „Oh, ne…“ und dann: „Ach egal.“ Die 2019 hat mir ganz schnell beigebracht, weniger in Schubladen zu denken, weniger zu denken: „So muss das sein“ sondern mehr: „So geht’s auch“. Bei anderen, aber noch viel mehr bei mir.

2019 sitzt da, im knittrigen Schlafanzug und sagt: „Lass doch mal das Geputze, setz dich zu mir“. Ich will erst losmotzen, etwas sagen wie „aber ich muss doch noch“ oder „macht ja sonst keiner“ oder „ich kann mich so aber nicht entspannen“. Aber sie lacht bloß und wirft ihr knautschiges Schlafzimmerhaar nach hinten. Die gute 2019-Frau hat mir gezeigt, dass ich doch kann. Wenn ich bloß den Anspruchsschalter in meinem Kopf umknipse. Das klappt nicht immer, aber immer öfter (Diesen Dezember bin ich ganz gut, siehe Fotos in diesem Post). Sie hat mir beigebracht, dass etwas nicht perfekt sein muss, um perfekt zu sein.

2019 wird manchmal plötzlich ernst. Gerade lachen wir noch, mit Kopf in den Nacken schmeißen und verlaufener Wimperntusche. Dann werden wir zusammen leise. 2019 habe ich das erste Mal so richtig über den Tod nachgedacht. Habe Angst um jemanden gehabt. Plötzlich gespürt, dass ganz wirklich alles endlich ist. Wir hatten im Urlaub ein richtig nettes Paar kennengelernt, auch drei Jungs, einer noch im Bauch. Sie war gerade dabei meine Freundin zu werden. Dann war sie plötzlich tot. Ich kann es bis heute nicht glauben. Sie kränkelte, Fieber hier, ein kleiner Infekt. Ich lese immer wieder ihre letzte Whats-App an mich: „Ich werd’s vermutlich überleben“, schrieb sie. Mit drei Lachssmileys.

Ich sehe ihr lachendes Gesicht abends kurz vor dem Einschlafen, ich sehe es, wenn ich mich über die Wäsche aufrege und vor allem sehe ich es, wenn ich mit den Kindern kuschele. „Nichts ist selbstverständlich“, flüstert 2019 leise, zieht auf dem Sofa neben mir die Knie an, umarmt sich selbst und schaut aus dem Fenster.

Manchmal war 2019 eine blöde Kuh. Ich hab mich für sie fremdschämt, hätte sie manchmal gern rausgeschmissen. 2019 war neidisch, dachte öfter mal, alle anderen hätten es besser, einfacher, was weiß ich. Sie zickte richtig rum.

Wenn sie sich beruhigt hat, erklärt sie mir, was ich tun könne, wenn es mir ebenso ginge. Die drei A nämlich: Ausatmen (nicht bloß Luft, die doofen Gedanken gleich mit), Arm nehmen (mich selbst. Die Jungs, meinen Mann). Ausschalten (Instagram, Handy, Computer, manchmal den Tag, in dem ich ganz früh ins Bett gehe).

Kurz bevor sie geht, schiebt 2019 nochmal richtig die Krise. Grummelt, stampft auf, flucht. Warum? Für alle, die online schreiben, geht gefühlt gerade alles immer noch schneller. Firmen wollen immer mehr (mehr Mehrwert, mehr Videos, mehr Posts für manchmal weniger Geld). Da ist noch was: Neuerdings scheinen viele Accounts eine legale Variante zum Followerkauf gefunden zu haben, in dem sie ständig Handys, Elektrogeräte, Helikopterflüge verlosen. Ihre Follower-Zahlen steigen dadurch rasant, wer nicht mitmacht, bleibt klein(er). Ich hab viel nachgedacht. Klar habe ich Angst, dass mich nächstes Jahr vielleicht kein Unternehmen mehr bucht. Um diesen Blog, mein kleines Online-Magazin auf die Beine stellen zu können, bin ich auf Werbebuchungen angewiesen.

Trotzdem habe ich beschlossen, auch 2020 dabei nicht mitzumachen. Ich glaube weiterhin an gute Geschichten und ich möchte nächstes Jahr noch viel mehr davon erzählen. Meine, aber auch eure. WASFÜRMICH soll im neuen Jahr noch mehr DER GESCHICHTENBLOG werden. Ich hatte euch vor einer Weile gefragt, was ihr euch wünscht, und unsere Wünsche sind sich tollerweise sehr ähnlich: Geschichten aus dem Leben, Alltagstipps, Reisen, Rezepte, Mode, Landleben, ein bisschen Lifestyle. Alles frisch erzählt, neu. Hoffentlich häufig überraschend.

Ich habe viele neue Ideen, möchte vielleicht für ein paar Stunden eine Redakteurin einstellen, falls ich mich traue, eine einzustellen. Es wird im neuen Jahr ein neues, sehr cooles Blog-Layout geben (keine Sorge, nicht zu cool…). Ich möchte weiter Dinge wagen. Euch immer wieder neu inspirieren. Übrigens: Wenn ich mir von euch etwas zu Weihnachten wünschen darf, wäre es das: Macht einfach weiter wie bisher. Kommentiert weiter zahlreich, erzählt euern Freunden von uns, liked, seid da. Wir machen dieses Magazin gemeinsam.

2019 ist eine Partyqueen. Sie klimpert den ganzen Dezember mit Drinkgläsern, wackelt ihre Hüfte. Sie nimmt mich in den Arm, stößt mit mir an auf meinen Mut. Dreht die Musik laut und feiert mit mir mein Kochbuch, dieses grandiose Lieblingsprojekt. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass wir damit so erfolgreich sein würden. In nicht mal drei Monaten haben wir als Mini-Mini-Verlag die komplette erste, wirklich große Auflage verkauft. Das ist zu verrückt, um wahr zu sein. Wir tanzen noch immer, 2019 und ich. Wartet, ich stelle euch mal kurz vor:

„2019, das hier sind meine Blogleser. Die besten Leser der Welt.“

„Liebe Leser, das hier ist 2019, ein ganz schön schreckliches, schrecklich schönes Jahr.“

Ich danke euch, dass ihr zu Besuch wart.

Und wie war dein 2019?

Alles Liebe,

Claudi