Willkommen in der wilden Wackelzahnpubertät

Aug
03/17

Ich weiß inzwischen, wie anstrengend das Trotzalter sein kann. Ich hab viel darüber gehört, wie anstrengend die Pubertät werden wird (und habe schon großen Respekt davor). Was ich nicht auf dem Schirm hatte: die sogenannte Wackelzahnpubertät, zwischen fünf und sieben Jahren. Wir steckten bis vor kurzem mitten drin (viele Freunde meiner Kinder und viele Kinder unserer Freunde ebenfalls). Und: das war ganz schön anstrengend…
Kind ist frech, hört nicht, Erziehung,
Wackelzahnpubertiere sagen gern Nein. Grundsätzlich, zu allem. Zu der Müslischale, die in die Geschirrspülmaschine muss zum Beispiel. Mit Wackelzahnpubertieren kann man stundenlang über Schalen und Spülmaschinen diskutieren.

Wackelzahnpubertiere wünschen sich jeden Tag genau das eine Spielzeug. Mit endlosem Drübergerede, Gebettel und Geldgezähle. Bis ein anderer Freund etwas noch Besseres hat. Dann ist das eben noch Überlebenswichtige vergessen. Aber das andere zu besitzen ist plötzlich wichtiger als alles andere.

Wackelzahnpubertiere sind von einer Minute auf die andere ganz groß und dann ganz klein. Zwischen: „Ich zieh aus – du hast mich ja sowieso nicht mehr lieb!“ und: „Ich will für immer bei euch wohnen!“ vergehen bloß Sekunden.

Wackelzahnpubertiere können trotzen. Aber hallo. Leider nicht mehr bloß mit simplen auf dem Boden schmeißen und brüllen. Sondern mit endlosen, knüppelharten und erschreckend wortgewandten Diskussionen, mit Wuttränen, mit Aggressionen, mit Türenknallen und messerscharfen Wortwechseln. Fünf- bis Siebenjährige sind schlau, die kennen längst deine wunden Punkte und können mit Worten und Taten direkt hineintreffen, wenn sie wütend sind. Wie mit einem Pfeil – wumms – mitten ins Rot der Zielscheibe. Mitten rein ins Mamaherz. Das tut weh. Das hat mich (manchmal) hilflos gemacht. Das hat mich abends im Bett manches Mal an mir zweifeln lassen. Und Erziehungs- ach was, Verhaltenshilfe bei Freunden, in Büchern oder bei Google suchen lassen.

Vielen Freunden mit Kindern im gleichen Alter ging es genauso. Wir sprachen beim Kaffee darüber, wie seltsam sich unsere Kinder benahmen. Es tat gut, von den anderen beinahe die gleichen Geschichten zu hören. Teilweise konnten wir an diesen Nachmittagen hautnah miterleben, wie das sonst ruhige, freundliche Kind plötzlich frech wurde. Provozierte. Uns Mütter wütend dastehen ließ. Unter schrill hintergeschrienem Protest. Oder hilflos. Mit feuchten Augen.

Noch mehr beruhigt und geholfen hat mir schließlich dieser Post. Dort habe ich endlich einen Begriff für das gefunden, was ich seit einer Weile beobachtet habe: Wackelzahnpubertät. Aber hallo. Wie passend. Und dazu so viele gute Erklärungen um mehr Verständnis für ein so aufregendes, anstrengendes aber auch wunderschönes Alter zu entwickeln.

Was mir geholfen hat:
– Aida de Rodriguez Tipp, mich mit meiner Wut auseinanderzusetzen. Denn es stimmt: wenn ich auch noch wütend werde, kann ich meinem Kind keine Hilfe bieten, aus seiner herauszufinden. Ganz wichtig: Das Kind nicht als kleinen Tyrannen sehen, der mich ärgern und mir das Leben schwer machen will. Sondern als Kind das in Not ist, nicht weiter weiß, Kontakt sucht, wie auch immer, nicht weiß, wie es sich anders ausdrücken kann).

– Aidas Erinnerung daran, wie stark sich der Körper im Alter von 5 bis 7 verändert. Dass Kinder in Schüben wachsen, die Proportionen sich daher beinahe täglich verändern und sich ständig der Schwerpunkt verlagert. Kein Wunder also, dass die Kinder in diesem Alter kaum stillsitzen können und einen so starken Bewegungsdrang haben: Sie müssen ihren Körper ständig neu koordinieren lernen. Und auch kein Wunder, dass sie scheinbar ständig irgendwo gegenlaufen, etwas umschmeißen, beim Essen auf dem Tisch hängen und irgendwie grob und ungeschickt wirken. Das ist so wie in der Schwangerschaft mit dem plötzlich großen Bauch – der rumpst ja auch  ständig irgendwo gegen. Und ist bekleckert.

– Der Hinweis, im besten Fall immer wieder mich selbst zu hinterfragen: verwechsele ich Regeln vielleicht manchmal mit blindem Gehorsam? Erwarte ich zuviel? Sage ich deutlich genug, was ich will? Erkenne ich das kindliche Bedürfnis nach Autonomie an? Verständnis zeigen tut so gut: die Gefühle des Kindes fahren Achterbahn. Es weiß tatsächlich nicht was es will und braucht.

– Immer wieder ein guter Tipp: Zuhören. Nachfragen. Ohne Bewertung. Eine Ebene zum gern erzählen schaffen. Und nicht selbst so viel reden. (Himmel, was hab ich für dusselige Monologe gehalten!! Und nachdem ich fertig war, an der Reaktion meines Sohnes gemerkt, dass sie nichts bewirkt haben. Gar nicht angekommen sind bei ihm. Gar nicht ankommen konnten.)

– Und: Mein Kind so annehmen wie es ist. Nur das ändern wollen, was zu ändern ist. Und das sind in erster Linie: die Situationen die Konflikte provozieren. Und mich. Meine Einstellung.

– Aus meiner eigenen Erfahrung: blinder Gehorsam ist Quatsch, aber es macht Sinn, ein paar wenige, klare Regeln zu formulieren und die Einhaltung dieser auch immer wieder zu überprüfen. Wir hatten eine Weile ein Belohnungssystem eingeführt. Ich weiß, darüber lässt sich diskutieren, nämlich ob es Sinn macht, die Einhaltung von Regeln, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, zu belohnen. Bei uns hat es eine Weile Sinn gemacht. Fand ich. (Obwohl ich vorher keine Ahnung hatte, über was Wackelzahnpubertierende bei einem scheinbar eindeutigen und einfachen Belohnungssystem alles diskutieren wollen).

Bei uns scheint diese Phase fürs erste übrigens gerade wieder ein wenig durch zu sein. Es ist viel ruhiger, konfliktärmer geworden in den vergangenen Tagen und Wochen. Der Alltag flutscht wieder. Also heißt es Kraft tanken. Für die nächsten Konflikte und Krisen. Mal sehen, was als nächstes kommt: Schultütenpubertät vielleicht. Oder Elemantargruppenwechseljahre.

Und ihr? Habt ihr auch Erfahrungen mit der Wackelzahnpubertät?

Alles Liebe,

8 Kommentar zu “Willkommen in der wilden Wackelzahnpubertät

  1. Ina on 3. August 2017 at 09:09 geschrieben

    Liebe Claudi

    Hinmel, vom der Wackelzahnpubertät habe ich noch nie etwas gehört… du sprichst mir aus dem Herzen. Wir stecken da wohl voll drin und ich habe mich die letzten Wochen echt hintersinnt! Da habe ich wohl noch einiges nachzulesen…

    Herzlichen Dank
    Ina

  2. Chris on 3. August 2017 at 09:31 geschrieben

    Liebe Claudi, danke für diesen Artikel. Du sprichst mir aus der Seele, gerade gestern rollten abends wieder Tränen bei mir, weil ich so verzweifelt bin. Unsere Tochter durchlebte bisher jede Phase immer sehr emotional aber momentan bringt sie uns an unsere Grenzen. Es tut gut zu wissen, dass man nicht allein ist damit. Werde mir gleich heute etwas Lektüre besorgen und irgendwie versuchen immer geduldig zu bleiben, auch wenn es manchmal wirklich schwer fällt. Jetzt möchte ich Dir noch ein Kompliment für Deine wunderbare Art zu schreiben machen. Du berührst mit deinen Texten und triffst so viele Themen einfach auf den Punkt. Danke auch, dass du so ehrlich schreibst! Liebe Grüße und alles Gute für euch 6.

  3. Angela on 3. August 2017 at 10:08 geschrieben

    Liebe Claudi,
    danke für den Artikel – ich hätte ihn vor einem halben Jahr noch dringender nötig gehabt, aber auch heute tut er noch so richtig gut. unser „Großer“ hat diese Phase auch durchlebt. Neben der körperlichen Entwicklung kommt ja auch – zumindest bei uns – diese neue Lebensphase dazu, wenn es auf den Schulanfang zugeht. Mit all den Erwartungen und Ungewissheiten, die damit in Verbindung stehen. Leider habe ich mich auch manches Mal verrückt machen lassen, ob etwas vielleicht nicht stimmt… auf meinen Bauch und mein Hert zu hören ist da gar nicht immer so einfach, wenn hier ein kleiner Wutknödel durch’s Wohnzimmer donnert. Auch hier ist es im Moment wieder ruhiger und ich kann mit etwas Abstand darauf blicken – woran ich mich dann hoffentlich beim nächsten Wutanfall erinnern kann.

    Ganz lieben Dank für diesen Blick aus Deiner Perspektive, die doch auf dieselbe Situation blickt.

  4. Sharon on 3. August 2017 at 10:51 geschrieben

    Angeblich wird die richtige Pupertät ja nicht mehr so schlimm, wenn die Wackelzahnpupertät sehr schlimm war…gibts da ne Skala? 😉

    Das Highlight bei uns ein nacktes Kind auf der Treppe, weil es am nächsten Tag eh auszieht und die Anziehsachen ihr nicht gehören…

  5. Anne on 3. August 2017 at 15:58 geschrieben

    Liebe Claudi,
    ich habe hier auch eine Wackezahnpubertierphase hinter mir, die nächste folgt etwa in zwei Jahren …

    Das Buch »Wackeln die Zähne, wackelt die Seele« beschreibt die Vorgänge im körperlichen und seelischen Umbau aus antroposophischer Sicht und hat mir dabei sehr geholfen.

    Danke für Deinen Bericht und liebe Grüße, Anne

  6. Iris Schmid on 3. August 2017 at 19:55 geschrieben

    Liebe Claudi

    Was für ein toller Text und was für eine Erleichterung, dass es nicht nur uns so ergeht. Danke!

    Herzliche Grüsse aus der Schweiz, Iris

  7. Sabrina on 3. August 2017 at 20:44 geschrieben

    Liebe Claudi,

    Wir hatten gerade Gestern eine solche Situation.
    Unser Sohn ist 5Jahre alt&hat vor einer Woche ein Schwesterchen bekommen,also eine grosse Veränderung.
    Ich denke auch,dass wir Erwachsenen unser Verhalten hinterfragen müssen,wenn etwas aus dem Ruder läuft.
    In der Anthroposophie sagt man: „Wackeln die Zähne,wackelt die Seele“. Das finde ich auch sehr zutreffend.

    Ich danke Dir für Deinen tollen Blog& gratuliere Euch zu Eurem kleinen Bo…

    Herzlichst Sabrina

  8. Isa on 4. August 2017 at 23:59 geschrieben

    Auch ich sag DANKE! So verrücktces klingen mag,mit dem fünften Geburtstag war sie da. Und sie bringt uns immer wieder an Grenzen. Heute war der erste Urlaubstag und der bisherige Höhepunkt….ich zähls mal nicht auf….und hier wackelt noch nicht mal ein Zahn!

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