Sei du!

Apr
18/16

Vor einer Weile kam einer meiner Söhne aus dem Kindergarten nach Hause und meinte noch im Flur: „Du hast mich angelogen, Mama. Es gibt doch Jungs- und Mädchenfarben. Hat meine Erzieherin gesagt.“
Erziehung, Jungsfarben, Sei du
Wir hatten in letzter Zeit schon öfter darüber gesprochen. Es hatte damit begonnen, dass er plötzlich sein gelbes Lieblingsshirt nicht mehr anziehen wollte. Also nicht mehr in den Kindergarten. Die anderen Jungs und viele der Mädchen, hatten ihn geärgert darin, behauptet, er sei ein Mädchen. Klar, die Jungs werden größer und klar, je größer sie werden, um so wichtiger wird, was die Freunde sagen. Aber ich meine das Shirt ist gelb! Und es war vorher sein Lieblingsshirt.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich finde, Kinder sollten unbedingt ihre eigene Persönlichkeit entwickeln dürfen und dazu gehört natürlich auch die Entwicklung des Geschlechterbewusstsein. Aber: ich finde es völlig daneben, Kindern stereotype Geschlechterklischees mit auf den Weg zu geben, nach dem Motto: Blau und Trecker sind für Jungs, Pink und Puppen sind für Mädchen. Bäh, das mag ich nicht. Mein Sohn darf sehr gern Blau mögen und Gelb nicht oder umgekehrt. Aber er soll es tun, weil er es so möchte. Selbstbewusst sein. Meinung statt Mitlaufen.

Erst habe ich also mit meinem Sohn mein Laptop herausgeholt und wir haben in die Suchmaschine „Kleidung“ eingegeben. Da staunte er. Interessiert hörte er zu, als ich ihm vorlas, dass man vor noch gar nicht allzu langer Zeit kleinen Mädchen Blau, die sanfte Farbe, zuordnete. Rot war dagegen verbunden mit Kraft, Stärke und Männlichkeit. Knallrot war für Könige. Lila für Kirchenoberhäupter. Dann sind wir zusammen an Papas Schrank gegangen, haben je ein rotes, ein gelbes und ein rosa Shirt gefunden (außerdem noch knalllila Socken). Schließlich habe ich ihm meinen Schrank gezeigt (mit ganz viel blau). Ich hab ihm erklärt, dass jeder selbst entscheiden darf, was er trägt und welche Farbe er mag oder eben nicht. Dann habe ich meinen Sohn auf den Schoß genommen und ihm geschworen, dass er ein Junge ist, ein ganz fantastischer Junge und dass es völlig egal ist, ob er blau oder grün oder gelb oder pink trägt, er bleibt ein Junge.

Ich habe richtig gemerkt, wie unglaublich erleichtert er war. Dann hat er sich das gelbe Lieblingsshirt auf den kleinen Stuhl an seinem Bett gelegt. „Das ziehe ich morgen an, Mama, weil ich Lust darauf hab. Und wenn einer was sagt, erzähle ich von den – aähh – purpurnen Pastoren. Und von Papas Socken.“ Und dann hat er sich halb kringelig gelacht.

Ich denke, wir werden noch oft solche Gespräche führen, die Jungs und ich. Irgendwann wird es nicht mehr um gelbe oder rosa Shirts gehen, sondern um Computerspiele und Rauchen oder was weiß ich. Aber eins möchte ich meinen Söhnen immer mit auf den Weg geben: Du, nur du, entscheidest, was du magst. Und machst. Und das ist verdammt cool.

Ich würde wahnsinnig gern hören, was ihr über die Sache denkt. Wie geht ihr damit um?

Kommt gut in die Woche!

24 Kommentar zu “Sei du!

  1. Anja on 18. April 2016 at 12:28 geschrieben

    Joris traut sich nicht mehr, das heißgeliebte Bayern-Trikot in die Schule anzuziehen, weil er von den HSV- und St.Pauli-Fans gemobbt wird. So bitter. Ich habe mehrfach versucht, das mit ihm zu besprechen, ähnlich wie Du. Aber es hilft Nichts. Er will das geliebte Trikot lieber nur in der Freizeit anziehen „und nicht geärgert werden. Es ist doch meine Privatsache, was mir gefällt, oder Mama?“
    Nicht dass ich FCB-Fan wäre … aber für ihn macht es mich traurig …

    • Claudia on 18. April 2016 at 20:56 geschrieben

      Ach quatsch, echt? Ich glaube, die Menschen, schon als Kind, müssen einfach immerzu ihren Senf dazugeben, stimmts?
      Und sie lassen es wohl nur, wenn man es schafft echt selsbtsicher damit umzugehen.
      Aber das muss man ja erstmal lernen.
      Wir bleiben dran, oder?
      Alles Liebe!

  2. Jana on 18. April 2016 at 12:34 geschrieben

    Liebe Claudi,

    ich finde deinen Blogpost so wunderbar!
    Auch ich habe einen kleinen Jungen und ziehe ihn gern farbenfroh an. Auch wir besitzen gelb, rot, grün und blau…
    Warum soll es typische Jungs- und Mädchenfarben geben?
    Ich finde, dass es schon an sich schwierig ist, bunte Jungssachen zu finden, da es meistens tatsächlich nur ‚typische Jungsfarben‘ (blau, beige, braun, grün…) zu kaufen gibt.
    Ich bin da also ganz deiner Meinung! 🙂

    Liebe Grüße

  3. Cornelia on 18. April 2016 at 12:44 geschrieben

    Unsere Tochter ist jetzt knapp zweieinhalb, liebt es an der Baustelle zuzugucken, Bagger und Kran werden stets beobachtet, Züge sehen und selbst Zugfahren sind ein absolutes Highlight und das allerallergrösste für mein Mädchen ist es, mit dem Papa zu schrauben. Ikea Möbel, Autoreifen, Kinderküche. Natürlich erzählt sie davon auch gern und es kommen hierzu von Familie und Freunden stets Kommentare im Sinn von „ja, ja der Pap hat geschraubt aber du kleines Mädchen doch nicht“. Ich sag dann immer „Doch, die kommt ganz ihrem Papa nach und es wäre wundervoll wenn meine Tochter mal keinen Mann braucht um eine Lampe zu montieren.“ Damit ist es dann beendet. Für beide Kinder wünsche ich mir, dass sie beide die Dinge können, die ihnen ein unabhängiges Leben ermöglichen: kochen, waschen, bügeln, schrauben, bohren, grillen, backen etc – geschlechtsunabhängig.
    Ich bin gespannt, was mit dem Älterwerden und mehr Kontakten in Kiga/Schule auf uns zukommt.

  4. MotherOfThree on 18. April 2016 at 13:30 geschrieben

    Meine Jungs haben etwas längere Haare (also nur ein bissl länger als der Durchschnitt). Mein Großer wird jetzt 5 und plötzlich hört er von allen Seiten, er müsse mal zum Frisör und sich einen „richtigen“ Jungs- Schnitt verpassen lassen. Ihn irritieren solche Aussagen auch total, für ihn ist ja bisher immer ganz klar gewesen, dass er ein Junge ist, egal welche Frisur er trägt. Wir haben uns daraufhin im Internet Fotos von coolen langhaarigen Männern angeschaut…Surfer, Skater, Rockstars…seitdem ist das Thema für ihn erledigt. Er erwidert nun:“Weißt Du, auch Jungs kônnen lange Haare haben. Viele coole Jungs haben lange Haare!“ Meine Jungs werden immer noch oft für Mädchen gehalten, aber nun ist das für meinen Großen krin Problem mehr. Ich bin gespannt, wie sich das in der Schule verändern wird. Es gilt für uns als Mütter, ihnen immer wieder den Rücken zu stärken und das Selbstbewusstsein zu geben, genauso zu sein, wie sie sein wollen. Das hast Du ja hier ganz fabelhaft vorgemacht! Wenn bei uns das Farbenthema aufkommt, werde ich es genauso machen! Danke:-)

    • Claudia on 18. April 2016 at 20:52 geschrieben

      Ha, das mit den längeren Haaren ist hier auch so. Und lustig wofür Google gut ist, oder?
      Liebste Grüße!

  5. Girlfrommars1 on 18. April 2016 at 13:39 geschrieben

    Bei uns ist das mit einem meiner Jubgs auch so . Er mag gerne Pipi Langstrumpf u möchte gerne eine Schultüte mit Bibi und Tina ! Ich hab durch ihn erst gelernt , dass es total egal ist , was andere Leute denken und „richtig bzw.typisch “ finden. Er ist sehr selbstbewusst und sagt im kiga , ich finde das gut und ich darf machen was ich will ! Das bewundere ich sehr und hoffe, dass er es sich diese Eigenschaft lange behält .

  6. Maria on 18. April 2016 at 14:05 geschrieben

    Das hast du wunderbar gschrieben und wir versuchen unseren Mäusen genau dies mit auf den Weg zu geben. Ist leider nicht immer so ganz einfach! Aber wir bleiben dran und versuchen unsere Kinder zu stärken. Weiter so! Liebe Grüße Maria

  7. Hella on 18. April 2016 at 19:50 geschrieben

    Hallo Claudia,
    Wir mussten uns im Kindergarten anhören, das unser Sohn so anders wäre. Er würde u.a. Ja so gerne basteln usw. und nicht wie alle anderen Fußball spielen ?
    Wir leben in einer Kleinstadt auf dem Land und da gibt es ziemlich viele alte Rollenmuster. Kurzhaarschnitt, Fußball, „Jungskleidung“, ….
    Wir stärken unseren Sohn und natürlich auch die Schwestern.

    • Claudia on 18. April 2016 at 20:50 geschrieben

      Oh ja, das kenne ich. Dabei kann man doch auch gern basteln und hinterher gern Fußball spielen, oder?

      Liebe Grüße!

  8. Wunderbar geschrieben Claudia!
    Wie doof, dass es für Jungs oft so viel schwerer ist, sich alle Farben anzuziehen. Was für ein Quatsch. Mich hat früher ja immer geärgert, dass es funktionale Kleidung (für meine Waldkindergartenmädchen) so gut wie gar nicht gab – bei der Großen ist es ja auch schon 15 Jahre her 🙂
    Ich habe oft in der Jungsabteilung gekauft und es den Mädchen zu Hause zur Anprobe gegeben. Es hat sie nie gestört, dass ihre Freunde die gleichen Klammotetn hatten, aber sie wären nicht in die Jungsabteilung mitgekommen…
    Ich wünsche dir einen schönen Abend
    Claudia

    • Claudia on 18. April 2016 at 20:46 geschrieben

      Ja schade, oder? Dass es so oft, zumindest in den großen Ketten noch immer so viel Jungs- und Mädchen-, aber nicht einfach Kinderkleidung gibt.
      Liebe Grüße!

  9. Denise on 18. April 2016 at 21:22 geschrieben

    Du sprichst mir aus der Seele! Wir hatten heute so ein Gespräch, weil mein Sohn seit kurzem tanzen geht. Es tat mir so leid, wie niedergeschlagen und zweifelnd er plötzlich war!
    Aber wen wundert es, dass sich bei den Kindern ein solches Schubladendenken entwickelt, wenn selbst die Ü-Eier in Jungs und Mädchen unterteilt sind…

    • Claudia on 18. April 2016 at 22:35 geschrieben

      Ja, oder, das finde ich auch sehr seltsam. Aber wenn überhaupt kaufe ich nur die altmodischen ohne Geeschlechtsspezifizierung…
      Liebe Grüße!

  10. Sandra on 18. April 2016 at 22:37 geschrieben

    Mein Sohn liebt Pink und Haarspangen und Bagger und Trecker. Er ist 2 und mag eben das was er sieht, ohne Genderdenken. Meine Tochter kam übrigens zur gleichen Zeit mit der Frage, ob es Jungs- und Mädchenfarben gibt (im Kiga beschäftigen sie sich seit einiger Zeit mit Farben). Ich habe es ihr ähnlich so ähnlich wie du erklärt. Ich finde es auch wichtig, dass sie selber entscheiden was sie mögen und was nicht. Sie zieht sich morgens auch selber an und ich schreite selten ein. Nur wenn es mir zu wild wird und wir was besonderes vorhaben.

  11. Susi on 19. April 2016 at 07:05 geschrieben

    Ganz ganz toller Post! Danke!

  12. Daniela on 19. April 2016 at 08:01 geschrieben

    Sooo ein schöner Artikel! Und si wahr! Ich werde meinen Sohn)(erst 1 geworden) auch immer unterstützen, egal was er machen, tragen oder tun möchte. Ich denke, die Herausforderung besteht eben darin Kindern ein gutes Selbstbewusstsein mitzugeben, dass sie Hänseleien gelassen abblocken können.
    Wunderbarer Artikel! 🙂

  13. Liebe Claudi,

    ich finde es ganz toll wie du die „Sorgen“ des Alltags mit deinen Kindern besprichst und löst. Und ich finde es sehr traurig, daß Kinder sich schon in jungen Jahren mit solchen Dingen wie der Wahl der Kleiderfarbe auseinandersetzen müssen. Ich fände es viel schöner wenn sie einfach nur Kind sein könnten und sich die Kleider aussuchen, die ihnen gefallen, die Haarlänge wählen, mit der sie sich wohl fühlen und wer Lust hat darf auch mal Mamas Nagellack tragen. Wir haben das große Glück für unsere Kinder Plätze im Montessori Kindergarten und der Montessori Schule bekommen zu haben. Und hier können die Kinder wirklich individueller aufwachsen, denn sie dürfen viel mehr selber entscheiden und das wird von den anderen Kindern und Erwachsenen auch so akzeptiert. In der Schule gibt es einige Jungs mit langen Haaren und im Kindergarten haben manche Jungs auch mal Nagellack weil Mama und Schwester das gerne tragen. Hier macht sich keiner darüber lustig oder wird deswegen geärgert. Ich fände es toll wenn überall dort, wo Kinder aufwachsen, mehr die Individualität des Kindes im Vordergrund stehen würde, dann gäbe es bestimmt auch noch mehr Toleranz in der nächsten Generation der Erwachsenen.

    Liebe Grüße, Ann-Cathrin

  14. Mona on 19. April 2016 at 21:05 geschrieben

    Liebe Claudi,

    wie immer ein toller Artikel.
    Ich finde es auch soooo schwierig neutrale Kleidung zu finden.
    Mein Sohn ist fast 5 und hat letztens so geweint, als ich seiner kleinen Schwester einen helltürkisenen Pullover mit einem Schwan und goldenen Glitzerknöpfen gekauft habe. Er wollte auch gerne so einen, aber es gab ihn leider nicht in seiner Größe. Er findet auch Hausschuhe mit Schleifchen schön und ich bestärke ihn darin. Leider gab es auch diese nicht in seiner Größe. Bisher gab es in der Kita keine Probleme und ich finde es wichtig, dass die Erzieher diese Klischees nicht unterstützen.
    Als ich für meine Tochter Schuhe kaufen wollte, gab es fast nur rosa und lila. Ich habe dann blaue „Jungschuhe“ gekauft, da ich diese Klischees nicht unterstützen möchte. Das kommt sicher noch früh genug, dass sie nur noch rosa und rot anziehen möchte =)

    Ich finde es eine toll, wie Du Deinem Sohn das alles erklärt hast.

  15. Michelle on 19. April 2016 at 22:15 geschrieben

    Liebe Claudi,
    danke für diesen tollen Post, ich finde es wunderbar von dir zu lesen. Finn ist jetz 7 Jahre und ich gebe Ihm auch immer mit auf den Weg, dass er seine Meinung haben darf. Er darf anziehen was Ihm gefällt und es egal ist was andere dazu sagen. Diese Rollenverteilung finde ich auch quatsch. Mein Papa hat in den 70 Jahren eine Ausbildung als Erzieher gemacht und hat Jahrelang im Kindergarten gearbeitet. Damals war das unvorstellbar. Er hat uns auch ein gesundes Selbstbewusstsein mit auf den Weg gegeben und ich versuche das heute auch bei Finn. Wie gesagt danke für deine Berichte ich finde es schön eine Blog zu haben wo es mal um Jungs in Finns Alter geht und nicht nur um Babys ;-).
    Hab einen schönen Abend.

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