Oh Schreck, Eingangstestzeit: Wie bereite ich mein Kind am besten auf die Schule vor?

Nov
14/16

Zu dieser Zeit flattern traditionell die Einladungen für die Schultests in die Briefkästen, für all die Kinder, die im kommenden Sommer in die Schule oder Vorschule kommen. Ich spüre bei vielen Mamas in meinem Umfeld deswegen eine große Unsicherheit. Viele rasen, die offizielle Einladung der Schule noch auf dem Beifahrersitz, in die Stadt und kaufen hektisch diverse Vorschulhefte und Lernspiele. Nehmen sich dringend Zählübungen für Autofahrten vor und Buchstabenmalen für lange Winternachmittage. Und viele fragen sich (und mich als Grundschullehrerin), was sie bloß tun können, um ihre Kinder optimal für die Schule vorzubereiten…
Kinder in der Küche. Hilf mir es selbst zu tun,
Auch in den Kindergärten wird der Ton auf den letzten Elternabenden vor der Schule oft rauer. Viele Eltern wirken angespannt und nervös. Fragen sich (und die Erzieher) ob ihr Kind optimal gefördert wird. Möchten wissen, was sie noch machen können. Was die Kita noch mehr machen kann.

All das verdeutlicht, wie unfassbar groß die Angst zu sein scheint, dass das eigene Kind einen Fehlstart hinlegen könnte. Oder den Anschluss verpassen. Der Druck, den sich Eltern heute in Sachen Schule machen, ist enorm. Ich gebe zu, auch ich finde es manchmal nicht ganz leicht, mich dem wilden Strudel aus Fördermöglichkeiten zu entziehen. Aber ich versuche es. Sehr sogar.

Wenn mich Eltern fragen, wie sie ihr Kind optimal auf die Schule vorbereiten können, dann sage ich: Gar nicht. Mach nichts. Lass dein Kind einfach in Ruhe. Spielen, lachen. Sein Ding machen. Und wenn, dann förder es so:

– Räum mit ihm zusammen am besten jetzt gleich die Teller in der Küche zwei Schränke tiefer und lass dein Kind mal allein den Abendbrottisch decken. Ja, mit Messern und Butterglocke. Lass das Kind hinterher selbst den Teller in die Spülmaschine stellen und vorher die Krümel in den Müll kippen (auch wenn die Hälfte daneben fällt. Dann holt es halt ein Kehrblech).

– Lass dein Kind seine Hose abends selbst von links auf rechts falten. Und die Unterwäsche in die Dreckwäschetonne werfen. Und mal ein Kissen neu beziehen.

– Lass dein Kind an den Turnbeutel für die Sportstunde in der Kita denken. Trag ihm die Sachen nicht immer nach. Wenn er oder sie den Beutel ständig vergisst, lasst ihn ihn mal vergessen. Und lass ihn auch mit den Kopnsequenzen leben.

– Überhaupt: Greift nicht ständig ein bei Streitigkeiten deines Kindes. Spiel nicht ständig seinen Anwalt. Lass dein Kind selbst Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen.

– Zeig deinem Kind, wie man mit unterschiedlichen Stiften, Scheren und ja, auch mal mit einem Schneidemesser umgeht. Lass es Kartoffeln schälen. Oder einen Apfel schneiden.

– Geht zusammen raus, rennt durch den Wald, sammelt Blätter, macht Quatsch, lest vor, buddelt, lacht, erzählt, brüllt, liebt, lebt.

Für mich gibt es nur einen Grund, es anders zu machen. Nämlich wenn ein Kind aktiv einfordert, dass es schon Zahlen oder Buchstaben lernen möchte. Das gibt es. Manchmal. Dann würde ich es ihm nicht vorenthalten.

Das Bild zeigt meine Jungs, wie sie beinahe ganz allein einen Apfelrührkuchen backen. Das Backen klappt schon ganz gut. Das Aufräumen hinterher üben wir noch.

Eine wunderbare Woche,

22 Kommentar zu “Oh Schreck, Eingangstestzeit: Wie bereite ich mein Kind am besten auf die Schule vor?

  1. Liebe Claudi,

    das sind tolle Tipps, ich kann aus Erfahrung sprechen. Wir gehen seit dem Kindergarten den „Montessori-Weg“ und auch in der Montessori Schule sehen wir wie die Kinder in ihrer Selbständigkeit gefördert werden und davon so wunderbar in allen Bereichen ihres Lebens profitieren. Man kann wirklich allen Familien ans Herz legen ihre Kinder in den Alltag zu integrieren und mit einer „vorbereiteten Umgebung“ geht das auch ganz ohne Stress.

    Viele liebe Grüße aus Bayern,
    Ann-Cathrin

  2. Ach schön, dass du es so siehst. Ich war neulich ganz entsetzt als wir vom Nachbars Jungen die Einladung zum 5. Geburtstag komplett selbstgeschrieben bekommen und er mir darauf hin sagte, er könne ja Klassen in der Schule überspringen. Ich glaube schon, dass er ein Junge ist der es einfordert, aber wenn ich dann sehe wie ruppig er mit unserem Kleinsten umgeht und wie wenig Sozialkompetenz er hat, dann denke ich doch ehrlich: „Scheiß auf Lesen und Schreiben mit Vier!“ Denn spielen will er nicht mit Emil und seinen Autos, lieber unterhält er sich mit mir… *kopfschuettel

  3. Liebe Claudia, wunderbare Worte und so wahr. Erst kürzlich habe ich gelesen, dass es in den USA bereits Kurse für Kinder gibt, die sie auf den Kindergarten vorbereiten?!?! Wo bleibt da bitte die Kindheit? Ich finde diese Entwicklung traurig, umso schöner ist es dann zu lesen das einige (so wie du) einen anderen, entspannten Weg für ihre Kinder wählen.
    Sei lieb gegrüßt, Sabrina

  4. Angelika on 14. November 2016 at 08:19 geschrieben

    Hallo Claudi, du sprichst mir aus der Seele! Aber die Realität sieht leider gaaaaanz anders aus! Die armen Vorschulkinder werde getriezt auf Teufel komm raus um beimSchulbeginn sagen zu können: „also meine/r kann schon lesen, und rechnet schon bis 100 … du weißt was ich meine! Ich finde es nur noch schlimm!
    Ich hoffe, viele lesen deinen Post und geben deine Gedanken weiter 👍🏼

    Ganz liebe Grüße
    Angelika

  5. Maria on 14. November 2016 at 09:55 geschrieben

    Hallo Claudia,
    das hast du toll geschrieben und du sprichst mir und meinem Mann aus der Seele. Unsere Große ist dieses Jahr in die Schule gekommen und wurde regulär eingeschult. Sie ist nun schon 7 und vor zwei Jahren hatten wir zig Diskussionen warum wir sie nicht früher einschulen. Wur wollten ihr aber auch einfach die Zeit zum Spielen und einfach Kind sein lassen. Das stieß nicht immer auf Verständnis, denn da hieß es, dass sie doch so weit sei, dass wir als Grundschullehrer doch helfen könnten … Bei unserem Sohn, der auch Kannkind ist, haben sie sich anscheinend damit abgefunden, dass wir ihn einfach Kind sein lassen möchten ohne den Förderwahn. Ding wie beim Tisch decken helfen, Staub saugen, alleine anziehen, alleine das Brot schmieren, schneiden… ernten wir dennoch oft erstaunte Blicke.
    Gut, dass du es so handhabst!
    Liebe Grüße
    Maria

  6. Sina on 14. November 2016 at 10:05 geschrieben

    Danke für diesen Post!!!! Genau so! Deine Kinder, deine Schulkinder und deren Eltern können sich glücklich schätzen, dich zu haben 🙂 Lieben Gruß, Sina

  7. Sara on 14. November 2016 at 10:32 geschrieben

    Du sprichst mir aus der Seele!
    Hoffentlich lesen deinen Post viele Leute.
    Im Kindergarten wird oft so stark bewertet und auch zwischen den Eltern entsteht eine große Unsicherheit.
    Kinder kommen in die Schule um dort lesen und schreiben zu lernen. Warum alles vorweg nehmen? Dann wird es ja langweilig in der Schule 😉

  8. Du hast so recht!
    Als Erzieherin im Grundschulbereich finde ich es erschreckend, wie unselbstständig manche Kinder sind. Da können manche nicht richtig mit Besteck umgehen, aber schon alle Buchstaben schreiben. Vom Schuhe binden reden wir erst gar nicht…. Deine Tipps sollten daher einige Eltern mal lesen. 😉
    Liebe Grüße
    Anette

  9. Astrid Baier on 14. November 2016 at 20:36 geschrieben

    Hallo Claudia,
    ich Danke dir aus tiefsten Herzen für diesen Post. Ich hätte als Erzieherin und dreifache Mama noch viel zu diesem Thema zu sagen, doch das sprengt den Rahmen. Tolle Inspiration zu diesem Thema und zu Werten in der heutigen Zeit findet man bei http://www.elternvommars.com und in dem wunderbaren Buch „Herzensbildung“ von Christiane Kutik.

    Mir geht immer wieder das Herz auf, wenn ich die tollen Bilder deiner Jungs auf Instagram sehe, du macht das so toll.

    Ganz liebe Grüße,
    Astrid

  10. Birthe on 14. November 2016 at 21:50 geschrieben

    Wahre Worte!
    Bei mir hat sich mal eine Mutter am ersten Schultag entschuldigt, dass ihr Kind noch nicht lesen könne…
    Ahhhhhh! Mir wäre es tausendmal lieber, wenn die Kids einen Stift, eine Schere, einen Kleber „bedienen“ und sich die Schuhe binden könnten – statt zählen (leider oft ohne Mengenbegriff dahinter) und das ABC aufsagen (und dabei natürlich buchstabieren statt lautieren…).
    Genau deine Tipps gebe ich auch oft – toll, dass ich zukünftig auf diesen tollen Blog hier verweisen kann ;0)
    Liebe Grüße

  11. Hach, das tut so gut. Ich sehe das ganz genauso. Aber selbst bei den Vorsorgeuntersuchungen gibt es ja Eltern (erstaunlicherweise sogar in meinem Freundeskreis!), die mit dem Kind vorher trainieren.
    Über den letzten Satz habe ich sehr geschmunzelt 😉
    Liebe Grüße
    Jutta

  12. Stephanie on 14. November 2016 at 22:44 geschrieben

    Wunderschön geschrieben, es hat mich sehr berührt! ❤ Vielen lieven Dank für diese tollen Worte. 😊

  13. Katrin on 15. November 2016 at 11:22 geschrieben

    Liebe Claudia,

    wir haben riesengroßes Glück mit unserer Hamburger Kita, einer Elterninitiative mit 100 Kindern in 5 Familiengruppen (Alter 1 bis 7). Die Erzieher dort vermitteln den Kindern genau das, was du als so wichtig beschreibst: Letzte Woche bin ich nachmittags dazugekommen, als meine Tochter (gerade 4) ein anderes Kind (2) nach dem Mittagsschlaf ganz alleine angezogen hat. Beide Kinder haben diese unkonventionelle Aufgabe sehr genossen und sich sehr gut dabei verstanden. Der Kleine hat sich sehr still verhalten, um es meiner Tochter zu erleichtern. Ihr abschließendes Urteil war: Pullover falsch rum, aber weil er geringelt ist, fällt das nicht auf. Weder die Erzieher noch ich haben den Pullover dann gedreht, weil es tatsächlich egal war, und den Kleinen nicht eingeschränkt hat. Als Mama macht mich so etwas viel stolzer, als wenn sie in ihrem englisch-kauderwelsch bis 10 zählt.
    Danke für deinen Artikel!
    Katrin

  14. Carolin on 15. November 2016 at 12:20 geschrieben

    Grundsätzlich gebe ich dir als 3-fach Mama und Kollegin recht. Ich halte auch nichts von verbissenem Vorüben. ABER wie du selbst geschrieben hast, manche Kinder fordern es ein, meine beiden Großen z.B. – Der Kleine mit 7 Monaten hat noch nicht nach Buchstaben gefragt 😜
    Wir haben immer gerne und viel Vorgelesen, das Interesse an der Schrift kam ebenso natürlich wie das am Rechnen in alltäglichen Zusammenhängen, z.B. beim Kuchen backen. Natürlich bin ich darauf eingegangen, so wie auf andere Interessen auch (überall raufklettern, Baufahrzeuge beobachten und aus Duplo nachbauen, mit Farben rummatschen, Tiere streicheln, Krach machen, etc. etc.)
    Diese Inhalte auszuklammern, damit sich die Kinder nur später in der Schule nicht langweilen, halte ich für grundsätzlich falsch. Die natürliche intrinsische Motivation trägt, ganz ohne Druck; in der Schule muss sie erst wieder künstlich erzeugt werden, wer weiß, ob das Kind nicht beim Schulbeginn ganz andere Interessen hat, z.B. Die eigene Rolle in der Klassengemeinschaft finden.
    Dies nur als Anmerkung, weil in den Kommentaren ein wenig anklang, es wäre so schrecklich, wenn Kinder zu Schulbeginn schon lesen und schreiben könnten. Jedes Kind darf das schon können – muss es aber eben auch nicht 😉
    Liebe Grüße,
    Carolin

  15. Josefine on 15. November 2016 at 13:13 geschrieben

    Liebe Claudia! Wunderbar, wir haben heute Abend eine Info-Veranstaltung im Kindergarten für Vorschulkinder. Da nehme ich Deinen Artikel mit. Danke Dir für Deinen wunderbaren Blog, ich lese ihn regelmäßig und Du sprichst mir in vielen Dingen aus der Seele – danke dafür. Viele liebe Grüße aus München, Josefine

  16. Manu on 15. November 2016 at 13:21 geschrieben

    Liebe Claudi,
    du sprichst mir und vielen Anderen aus der Seele. Aber warum ist es heutzutage so, dass Eltern glauben ihre Kinder müssten schon vor der Schule Lesen und Schreiben lernen?
    Ich wünsche mir, dass es viel mehr Menschen geben sollte, die so denken wie Du und das man sich nicht immer rechtfertigen muss, dass mein Kind „nur“ spielt und keinen verplanten Nachmittag hat, sondern KIND sein darf.

    Liebe Grüße von
    Manu

  17. Liebe Claudi,
    während die Lütte mal ALLEIN in IHREM Zimmer spielt (das kommt extrem selten vor) habe ich eben deinen Post gelesen. Danke! So toll! Ja, wir müssten demnächst auch diesen Zettel bekommen. Im Sommer geht’s in die erste Klasse. Und bis dahin ist die Lütte im Kiga und macht da (mehr oder weniger) die Vorschule. Auch da haben wir lange überlegt.
    Ich bin sehr froh über deine Tipps! Du als Mama und Lehrerin kennst dich da ja auch gut aus 🙂
    Liebe Grüße,
    Dorthe

  18. Maria on 15. November 2016 at 18:47 geschrieben

    Prima Einstellung! Am Schlimmsten war ein Vater vor der Einschulung meines Sohnes: „Wenn die Kinder bei der Schulanmeldung in zwei Gruppen eingeteilt sind und mein Kind dann in der Gruppe um 14.30 Uhr dran ist, steckt er gerade in seinem Leistungstief und ist den anderen gegenüber benachteiligt!“ -Bitte was???

  19. Cathrin on 15. November 2016 at 19:13 geschrieben

    Also mein Jüngster geht jetzt in die zweite Klasse, liest ungern und grottenschlecht, er hasst schreiben und etwas lernen will er am liebsten von und mit seinem grossen Bruder und weisst du was, das was du für die Vorschulkinder schreibst, praktizieren wir immer noch.
    Und um uns rum wächst das Entsetzen und trotzdem bleiben wir ruhig und geniessen unser Kind, das jedem erklärt woher der Name für Google kommt, der Waffeln backt und auf Stadtführungen hellhörig alles wahrnimmt und so tolle Dinge lernt. Also alles hab so wild…meine Söhne lernen, was ihnen gefällt und der grosse Sohn ist mittlerweile recht erfolgreich, weil er weiss, was er mit seinem Lernen erreichen will.

  20. Andrea on 17. November 2016 at 14:27 geschrieben

    Liebe Claudi,

    Ich war anfangs etwas skeptisch, als ich die Überschrift las. Ich dachte: „Oh je, vorbereiten? Geht’s noch? Schwappt die ‚Ergeizwelle‘, ein Wunderkind wettbewerbsfähig zu schulen jetzt auch auf Deutschland über?“ Und dann die Erleichterung und der Moment, in dem ich las, Kinder Kinder sein zu lassen, war einfach herrlich! Mein Sohn kann kleine Wörter lesen, was er ganz alleine gelernt hat. Mein Mann wollte dann sofort Bücher besorgen, um seinen Fortschritt zu fördern. Glücklicherweise hat er mein Argument, ihn das weiterhin alleine zu überlassen und nur seine Fragen zu beantworten, akzeptiert. So langsam versteht er, dass das selbständige lernen am effektivsten ist und nicht in Sachbücher versinken. Man will den Kleinen ja auch nicht die Freude nehmen. Tolle Worte und noch toller, dass sie von einer Lehrerin kommen ☺️

  21. Anna on 18. November 2016 at 16:34 geschrieben

    Ich geh da ganz mit Carolin und möchte noch hinzufügen, dass zwei Sachen in meinen Augen tatsächlich gelernt werden sollten….Schulweg (alleine) laufen und Schuhe binden.

    Ersteres natürlich nur, wenn auch möglich;)
    Gruß Anna

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