ich wollte dir schon lange mal schreiben. Sagen, wie gern ich dich hab. Wie wohl ich mit dir fühle. „Wie, bitte, ausgerechnet jetzt?“ fragst du vielleicht und kicherst beinahe schüchtern:“ Ausgerechnet jetzt, wo ich nicht vor acht hell werde und um halb fünf schon wieder dunkel…?“
rausziehen
„Ja, genau jetzt!“, sage ich. Einen Liebesbrief ans Landleben im Sommer schreiben, das kann jeder. Im Sommer, wenn unser winziges Dorf so viele quietschgrünen Wiesen, duftende Sträucher und weichen Elbsand vor sich her trägt, dass es beinahe hintenüberfällt, auf seinen weichen Rundballenpo. Wenn es überall nach Bratwurst duftet und ich abends zwei Stunden für eine kurze Joggingrunde brauche, weil mich jeder zweite an der Dorfstraße auf eine einlädt. Wenn ich vom Joggen wiederkomme und mich frage, ob man vom Fliederbusch- oder Holunderblütenduft regelrecht betrunken werden kann, weil es sich genauso anfühlt.

„Im Winter braucht man hier viel Alkohol“, hat eine neue Freundin über unser Dorf einmal gesagt. Und sie hat manchmal Recht. Außerdem einen guten Eiskratzer. Hier ist es nämlich  immer noch mal minus fünf Grad kälter als in der Stadt. Dafür hab ich hier zum ersten Mal so richtig verstanden, was an einem Sternenhimmel eigentlich so romantisch ist. Ist nämlich tatsächlich bombastisch: Dieses Leuchtgelb auf Schwarz. So ganz ohne Leuchtreklame.

Landleben
Liebes Land, es war nicht immer einfach mit uns, das weißt du. Ich habe lange überlegt, ob das überhaupt was werden kann mit uns beiden. Ob du mir nicht ganz schnell auf den Sender gehst, mit deiner ruhigen Art. Ich musste mich erst dran gewöhnen, dass ich eine knappe Stunde einplanen muss, wenn ich beim Wocheneinkauf einen Becher Sahne fürs Hühnerfrikassee vergessen habe. Es hat sich seltsam angefühlt, als ich auf dem Supermarktparkplatz jemanden angefahren hatte und am nächsten Tag die Bäckerin meinte: „Alles gut gegangen, gestern?“ Und ich überlegt habe und gefragt habe: „Was denn?“ Und sie gelächelt hat mit runden Himbeersahnewangen und gesagt hat: „Na dein kleiner Rums gestern mit dem Auto von der Frau Schmidt.“ Hier draußen zwischen Klönschnack und Kacke sind wir alle per Du.

Ich gebe zu, manchmal habe ich noch immer Sehnsucht nach der Stadt. Nach Altbauten, schneeweiß und baumhoch. Nach einem völlig überteuerten Latte mit Plastikdeckel. Nach Label-Watching auf dem Kinderspielplatz. Nach prall gefüllten Schaufenstern, in die man beim Kinderwagenschieben gucken kann, statt in Gärten mit Kohlköpfen. Und manchmal verfluche ich diese akurat geharkten Bürgersteige. Manchmal hätte ich mittags, wenn es mal schnell gehen muss, so viel mehr Lust auf eine Portion von meinem schicken Lieblingsasiaten, statt auf einen Salat in der Plastikschale vom Supermarktbuffet. Mit Ei.

Am Anfang hab ich gesagt, ich würde sofort tauschen: Unser Fachwerkhaus gegen ein schickes Stadthaus mit Garten. Wenn Geld keine Rolle spielen würde? Sofort. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher. Unser Haus, das jetzt schon Geschichten erzählt. Mehr von ruhigen Abenden auf der Terrasse, als von wilden Sausen im Beachclub. Aber Geschichten.
A propos Kneipe. In unserer Dorfschänke gibt es ein tadelloses Steak mit wirklich guten Bratkartoffeln. Als ich den Besitzern vor einer Weile begeistert erzählt habe, dass ich sie gern in einer Reisereportage für ein großes Magazin unterbringen würde, hat der Besitzer bloß mit dem Kopf geschüttelt. Und gebrummt. Und gesagt: „Ach ne lass mal, hier ist es schon immer so voll.“ An diesem Abend, einem Freitag, waren bis auf drei alle Tische leer.
Wohnen auf dem Land
Und dann freue ich mich wieder. Dann freue ich mich, dass ich im Tante-Emma-Laden die Straße runter inzwischen die weichen Brötchen bekomme. Und nicht mehr die harten vom Vortag wie die Touristen. Ich freue mich immer noch über jeden Storch, den ich sehe, jedes Mal. Meine Söhne machen schon Witze und sagen: „Aber Mama, das ist doch bloß ein Storch!“ Und ich freue mich genau darüber. Dass meine Kinder in ihrem Leben zuerst Störche sehen und Kohlköpfe und quietschgrüne Wiesen und erst später Verkehrsstaus und ausflippende Demonstranten. Und dann finde ich es auch kein bisschen schade mehr, dass sie vormittags mit Ästen Buden bauen, im Sand buddeln oder mit der Erzieherin wenn es Hoch kommt mal ein Brot backen, statt vielleicht Japanisch oder Keltische Gesänge in einem dieser feschen Stadtkindergärten zu lernen.

Wir haben blitzschnell neue Freunde gefunden. Die Kinder klar. Aber wir auch. Es fühlt sich gut an, abends noch einmal schnell auf ein Glas Wein zu einer Freundin zu radeln, eine die auch zugezogen ist und auch manchmal Sehnsucht nach Latte Macchiatos hat. Keine Parkplatzsuche gleich ein Wein mehr. Und wie bitte was – hier gibt es einen Literaturkreis? Ich bin dabei. Vielleicht gehe ich nächste Woche sogar mal zu den Landfrauen, da gibt es einen Votrag über Makramee. Ob die wissen, dass das bei Pinterest  der letzte Schrei ist?
Landliebe
Liebes Land, am allerbesten gefällt mir der Platz, den du mir, den du uns lässt. Dank dir konnten wir größer bauen, halt, dank dir und deiner Quadratmeterpreise konnten wir überhaupt bauen und können trotzdem hin und wieder in den Urlaub fahren. Du lässt mir Raum im Kopf, weil nicht alles voll ist mit Klamottenshops und Wohnshops und Kindershops. Wenn ich zu viel maule, dann pustest du Ostwind rüber, dann bin ich ganz schnell wieder still. Und denke: „Ist ja schon gut. Ist ja alles gut.“ Dank dir kann ich die Haustür aufmachen und die Kinder rausschicken und rufen: „Viel Spaß, aber zum Mittag seid ihr wieder da!“ Dank dir wälze ich neuerdings Gartenbücher, sammle Bretter für ein Hochbeet (die Schnecken!) und freue mich drauf, demnächst noch ein neues, kreatives, sehr grünes Hobby zu erobern. Vielleicht probiere ich es tatsächlich einmal mit Kohlköpfen.
rausziehen
Und ihr? Wie und wo wohnt ihr und wie fühlt sich das für euch an?

Alles Liebe,

Claudi