Dienstags-Diskussion: Wie bringe ich meinem Kind bei anständig zu sein?

Jan
24/17

Vor vielen Jahren, mein Sohn war noch ganz klein, gingen mein Mann und ich shoppen. Ín einem Laden, ich weiß es noch ganz genau, hatten sie eine große Holzeisenbahn. Wir konnten in Ruhe shoppen, er konnte in Ruhe bauen – es war herrlich. Als wir gehen wollten, rechnete ich mit einem Drama – zu toll fand er die Bahn…
anständig sein, Wahrheit sagen
Doch nix da. Mein Sohn packte den Holzwaggon, den er gerade in der Hand hielt, ohne Murren in die große Kiste mit den übrigen Teilen, winkte der Bahn noch einmal zu und ging ohne einen Pieps zu sagen mit uns hinaus. Die Verkäuferinnen nickten anerkennend und ich weiß noch, wie mein Mann und ich uns anlächelten, stolz, so einen verständnisvollen (ha!) Sohn zu haben.

Kurze Zeit später wollten wir ein Eis kaufen. Als ich unten im Buggy unter einer Jacke nach meinem Portmonnai suchte, fühlte es sich dort erstaunlich hart und holzig an. Ich schob die Jacke zur Seite – und fand eine Holzlok, diverse Waggons und Schienen. Jetzt war klar, warum sich unser Sohn so prima von der Bahn trennen konnte. Er hatte einen Großteil von ihr einfach eingepackt. Wir waren entsetzt. Und mussten schmunzeln. Wie einfach war doch bloß die Welt für einen Eineinhalbjährigen. Dann war uns das ganze peinlich. Wir brauchten ein dickes Spaghetti-Eis, bevor wir in den Laden gingen und die Holzeisenbahn zurückgaben. Mit ordentlich Geschrei aus dem Buggy, versteht sich.

Letzte Woche erzählte einer meiner Söhne, dass ein Junge aus seiner Gruppe, ab und zu Wachsmaler aus dem Kreativraum mitnehme, nämlich die, die in seinem eigenen Wachsmalkasten seit einiger Zeit fehlten. Ich war entsetzt und sagte ihm, dass das nicht ginge und dass er sich vorstellen solle, wie es wäre, wenn das alle Kinder täten. Er nickte, war scheinbar genau meiner Meinung und ich merkte ihm an, wie zerrisen er war. Er habe dem Freund bereits bescheid gesagt, aber der würde es nicht so richtig einsehen, die Stifte fehlten ihm schließlich zu Hause. Er hätte auch schon damit gedroht, nicht mehr sein Freund zu sein, wenn er etwas sage. Mein Sohn kaute nachdenklich auf seiner Lippe: Er wolle auf keinen Fall einen Freund verpetzen, aber das mit Stiften, sei doch nicht in Ordnung.

Ich musste viel nachdenken über die Geschichte seither. Ich wollte mich nicht einmischen, auf keinen Fall. Was sollte ich auch tun? Aber ich wollte meinen Sohn mit dem Konflikt auch nicht allein lassen. Ich wollte ihm helfen, aber ich wollte ihn nicht zum Petzen anstiften. Genauso wenig möchte ich ihm signalisieren, dass es in Ordnung ist, etwas einfach hinzunehmen, das nicht in Ordnung ist. Ich möchte, dass aus ihm ein anständiger Kerl wird, aber in dieser konkreten Situation war ich unsicher, was ich ihm raten soll.

André und ich sprachen abends über die Sache und auch er wusste nicht wirklich, was am besten zu tun sei. Er schlug vor, dass unser Sohn vielleicht mit der Mutter des Jungen reden könnte. Aber ich fragte gleich, ob das nicht zu viel verlangt sei, von einem Kind.

Was würdet ihr tun?

PS. Um alle Beteiligten zu schützen, war das mit den Stiften alles ein bisschen anders. Aber nur ein bisschen.

Alles Liebe,

17 Kommentar zu “Dienstags-Diskussion: Wie bringe ich meinem Kind bei anständig zu sein?

  1. Dorle on 24. Januar 2017 at 14:52 geschrieben

    Liebe Claudi,
    unser Söhnchen ist ein paar Wochen jünger als Tjelle und ich bin noch im „Nicht beißen/ nicht hauen-“ Modus, aber vielleicht könnte man der Erzieherin ja „anonym“ einen Brief schreiben (oder ihr mitteilen, dass man keinen Namen nennen möchte), dass ein Kind Stifte klaut und die Erzieherin erwartet dann einfach, dass diese Stifte bis übermorgen anonym zurückgegeben werden. So bleibt die Freundchaft, das Kind ist nicht zu sehr bloßgestellt, die Stifte kommen zurück und gelernt haben auch alle was. Wäre jetzt meine Idee.
    Was mich in Sachen Benehmen beibringen aber wirklich aufregt, ist dass es immer den Eltern überlassen wird, das Kind zu maßregeln. Vorhin beim Kinderarzt hätte der Sohn beinahe selber das Ultraschallgerät bedient und ich war dauernd peinlich damit beschäftigt, ihn zu schimpfen und fernzuhalten. Wenn der Arzt einmal gesagt hätte: Kind, das ist mein Gerät, Finger weg – der hätte es nie mehr angefasst. Alle erwarten immer ein perfekt erzogenes Kind, ziehen sich aber aus der Verantwortung. Dabei sind wir doch EINE Gesellschaft und alle dafür zuständig, dass das Zusammenleben funktioniert.
    Liebe Grüße 🙂

    • Claudia on 26. Januar 2017 at 09:06 geschrieben

      Da hast du Recht, das mag ich auch nicht, wenn die Leute immer nur gucken und nichts sagen. Allerdings fällt es mir bei fremden Kindern auch manchmal schwer.
      Lieben Dank für deine Überlegungen,
      Claudi

    • Sarah on 9. Februar 2017 at 10:46 geschrieben

      Da muss ich jetzt mal die Gegenseite beschreiben: ich bin Kinderärztin und es ist kaum zu glauben, wie viele schlecht erzogene Eltern es gibt! Ich mische mich, außer in wirklich eskalierenden Fällen, garnicht mehr ein, was die Erziehung fremder Kinder angeht. Zu oft erntet man Unverständnis oder böse Blicke.

    • Lisa on 14. Februar 2017 at 11:23 geschrieben

      Hallo,
      ich möchte gerne etwas zu Dorles Kommentar hinzufügen. Ich denke zwar einerseits schon auch, dass sich die Erwachsenen gemeinsam verantwortlich fühlen sollten für die Kinder einer Gesellschaft, dennoch habe ich ganz oft das Gefühl, dass es vielen Eltern heute nicht mehr recht ist, wenn ein „Fremder“ sich „einmischt“. Ich habe das selbst auch erlebt, als ich ein kleines Kind in der Bahn freundlich darauf hingewiesen habe, dass das Bonbonpapierchen in den Papierkorb hinein will/soll und nicht einfach achtlos auf den Boden geworfen werden möchte. Die Mutter war stocksteif, sagte kein Wort und ihr Blick sagte mir, dass mich die Erziehung ihres Kindes nichts anginge. Ich denke, dass sich in Deutschland seit den 50`er Jahren viel verändert hat dahingehend, dass Eltern es schnell als Angriff (auf ihre eigene Kompetenz?!?) sehen, wenn sich andere in kniffligen Situationen mit einschalten.

  2. Janina on 24. Januar 2017 at 15:56 geschrieben

    Ich finde solche Situationen manchmal zu schwierig, um sie das Kind alleine lösen zu lassen. Meine kleine Tochter hätte es vielleicht irgendwie über die Lippen bekommen, die große niemals. Ich finde anonyme Lösungen auch nicht richtig. Ich würde wahrscheinlich die Mutter des klauenden ( und nichts anderes ist es ja) Kindes ansprechen, je nachdem wie nah ich ihr stehe oder der Erzieherin / Aufsichtsperson schildern, dass mein Kind da in einem Dilemma steckt !

    Viele Grüße und danke für das tolle Blog !

  3. Hui das ist wirklich schwierig. Da müsste ich erst mal genau drüber nachdenken, aber wenn ihr eine Lösung gefunden habt, lasst es mich wissen.
    Liebe Grüße!

  4. Susanne on 24. Januar 2017 at 21:08 geschrieben

    Hi,
    ich würde mit der Erzieherin das Thema besprechen und sie bitten das Thema ‚Sachen wegnehmen, Stehlen (was ist das überhaupt, wann ist das nicht richtig, wie geht man damit um wenn man es beobachtet/selbst gemacht hat und es einem leid tut?)‘ generell zu besprechen – ohne Namen zu nennen im Morgenkreis mit allen Kindern. So wird dies zumindest in unserem Kindergarten bei schwierigen Themen gehandhabt und das finde ich immer sehr gut. Idealerweise kommt das betroffene Kind dann von alleine darauf, dass es etwas falsch gemacht hat.

    Toller Blog übrigens. Lese gerne mit.

  5. Maria on 24. Januar 2017 at 21:24 geschrieben

    Mein Ansatz wäre dem Kind weinge Wachsmalstifte zu schenken und ihn zu bitten die anderen zurückzugeben, dass würde er schließlich auch erwarten. In dem Alter wissen Kinder grundsätzlich, was sich gehört und was nicht. Wenn Sie jetzt bloß gestellt werden, steigt die Bereitschaft noch besser zu vertuschen, den Freunden nicht mehr zu trauen. Der Junge hat sich vielleicht nur verrannt. Wenn es ein regelmäßiges Verhalten ist, geht das natürlich nicht.

  6. Steffi on 24. Januar 2017 at 21:27 geschrieben

    Aus deiner Schilderung wird klar, dass der Freund die Stifte nicht aus Gemeinheit oder Spaß klaut, sondern aus kindlichem Pragmatismus heraus mitnimmt: Mir fehlen sie, hier gibt es viele, mit denen ich arbeiten darf, also nehm ich mit, was ich brauche. Sicher braucht es darum nicht das ganz große Geschütz, aber genauso sicher ist das natürlich nicht in Ordnung. Dein Sohn hat das erkannt, hat aber seine kindlichen Möglichkeiten, seinem Freund das Unrecht seines Handelns zu erklären ausgeschöpft. Ich würde ihn in seinem bisherigen Handeln bestärken, ihm auch sagen, dass es gut war, sich dir anzuvertrauen, wenn er Unrecht empfindet und seine Handlungsmöglichkeiten noch nicht ausreichen. Dann würde ich versuchen zu erklären, dass Verpetzen und sich Erklärverstärkung bei Erwachsenen holen zwei unterschiedliche Dinge sind. Denn er möchte er ja eben nicht, dass sein Freund Ärger bekommt, aber er soll verstehen, warum was er tut nicht richtig ist. Darum kann er seine Erzieherin bitten: Dem Freund das zusammen zu erklären, nicht ihn zu schimpfen oder zu bestrafen. Damit lässt du ihm seine Handlungskompetenz – was ich auch sehr wichtig finde – und das Problem wird da und mit den Beteiligten gelöst, wo es entstanden ist, im Kindergarten. Eine einfühlsame Erzieherin, weiß das sicher richtig zu gewichten und kann das mit den beiden lösen, ohne zu dramatisieren.

    • Sina on 25. Januar 2017 at 20:30 geschrieben

      Das finde ich ganz toll, Steffi! Das eigene Kind bestärken, sich Hilfe zu holen; die Sache an ihrem Entstehungsort klären; das andere Kind nicht bloßstellen; Kompetenz beider Kinder und der Erzieherin nutzen; als Eltern beraten, aber sich ansonsten im Hintergrund halten – top!

    • Claudia on 26. Januar 2017 at 09:01 geschrieben

      Ich finde das hast du ganz zauberhaft zusammengefasst. Danke dir!

  7. Hallo Claudi,
    ich finde deine Reaktion gut. Da sein, Möglichkeiten aufzeigen, aber nicht direkt einmischen. Manche Dinge brauchen ein bisschen Zeit. Vielleicht braucht auch der andere kleine Kerl ein bisschen, bis es gesackt ist und er versteht, um was es geht. Meine Mädchen sind ja schon etwas größer, aber die Fragen als Mutter bleiben. Gerade wenn einen die Kids ins Vertrauen ziehen. Heute sind es mitunter viel schlimmere Dinge. Da geht es um Drogen, um Insiderwissen und die Frage, muss ich, wenn ich es weiß (im Vertrauen !) die Eltern bzw. die Schule informieren? Stelle ich dann mein Kind bloß, dass noch dazu Schülersprecherin ist. Decke ich eine Straftat? Sehr schwierig. Aber auch da hat sich gezeigt, dass man nichts überstürzen muss, denn vieles regeln und klären die Kids unter sich. Viel ruhiger, unaufgeregter, besser und nachhaltiger. Zum Glück!

    Ganz liebe Grüße von Deich zu Deich
    Claudia

    • Claudia on 26. Januar 2017 at 09:01 geschrieben

      Oh weh, da habe ich auch schon ein wenig Bammel vor. Aber du hast Recht, mit Ruhe bewahren geht wohl alles.
      Ganz liebe Grüße,
      Claudi

  8. Vogel Jana on 7. März 2017 at 14:01 geschrieben

    Und Claudi? 🙂
    Wie ist die Geschichte ausgegangen? 🙂
    Liebe Grüße 🙂

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