Der Wackelzahn. Oder Mamas Melancholie.

Sep
22/16

Ich weiß nicht, ob er womöglich die ganze Nacht im Bett gelegen und ihn selbst wackelig gewackelt hatte. Geht das? Ich glaube nicht. Auf jeden Fall hat einer heute Morgen gewackelt. Mein Großer hatte sich seit Monaten einen Wackelzahn gewünscht. Jetzt hat er einen. Zuerst wollte ich es nicht glauben, zu oft hatte er schon einen Wackelzahn, der dann doch nicht wackelig war. Weil nur die Hand wackelte, die so gern wollte, dass er wackelt. Geheimwackelzahn also. Wackeln hin oder her: jetzt wackelte einer, da war nichts dran zu rütteln. Mein Herz wackelte auch. Ach was, bebte. Boxte von innen gegen die Brust…
Mama Melancholie, sie werden so schnell groß, Wackelzahn, Miclhzähne
Das hatte es zuletzt vorletzte Woche getan, als mein Großer, gerade mal zwei Tage Vorschulkind, allein zur Schule gehen wollte. Rucksack auf, Kuss und Schluss. Leider war niemand da, der mir wenigstens eine Schultüte reichte, damit ich nicht ganz so mutterseelenallein da stand, oben an der Straße. Mit Gänsehaut. Und feuchten Augen. Fakt ist: Mein Kind wird groß. Jeden Tag ein wenig mehr und gerade geht es wirklich Knall auf Fall mit den Meilensteinen. Mir ist völlig schleierhaft, wie einem die ersten Wochen und Monate mit einem Baby so lange, so ewig, so absolut vorkommen können, sie aber im Nachhinein beinahe nebenbei zwischen den Fingern wegrieseln wie eine Prise Zucker. Wie kann sich etwas in Echtzeit so lang anfühlen (durchweinte Nächte, Windelexplosionstage, dauernörgelnde Autofahrten, nichtendenwollende Eisenbahnauf- und Abbaurunden auf dem Wohnzimmerteppich), aber in Lebenszeit so schnell vergehen?

Für mich stand an diesem Morgen fest: heute hat mein Kind einen Wackelzahn, morgen zieht es aus. Und ich bin alt. So muss es sein. So muss ich auch geguckt haben. Mein Großer dagegen hüpfte und jauchzte und wackelte und lief aufgeregt durchs Haus und freute sich. Kein Stück übrigens von meinem Wackelzahnmuffensausen damals als Kind (ich hab den Blutgeschmack gehasst, mochte tagelang nichts essen und hatte Horror vor dem Moment an dem er fällt, dabei wollte ich unbedingt, dass er endlich fällt). Mein Großer scheint eher etwas von seinem schwedischen Namensvetter zu haben: Bindfaden dran und rumms. Raus. Er konnte gar nicht glauben, dass ich nicht begeistert an dem Zahn hin und herwackeln mochte. Und auch nicht gut zugucken konnte, als er es tat. Ebenso wenig konnte er verstehen, wieso ich so traurig guckte. „Ich hab einen Wackelzahn Mama, das ist doch ganz großartig. Schmeißen wir heute Nachmittag eine Wackelzahnparty?“

Zum Glück, dachte ich, heute jedenfalls will er wohl noch nicht ausziehen…

Wie habt ihr das denn erlebt, die Sache mit dem ersten Wackelzahn?
Liebe, ein wenig sentimentale Grüße,

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8 Kommentar zu “Der Wackelzahn. Oder Mamas Melancholie.

  1. Steffi on 22. September 2016 at 14:14 geschrieben

    …das willst Du wahrscheinlich lieber nicht wissen…aber wenn Du so fragst, gibt’s auch ’ne Antwort ☺

    Der Zahn von meinem Großen (heute 9) wackelte keine drei Tage (gefühlt), da konnte er es nicht abwarten und hat den Zahn mehr oder weniger rausgebrochen.
    Dann kam er freudestrahlend aus dem Bad:“Mama guck mal“ – nur doof, dass das wie verrückt blutete und ich nicht auf Blut vorbereitet war (wie zB nach einem Sturz mit ordentlich Gebrüll). Ich musste mich arg am Tisch festhalten um nicht umzufallen.
    Nun ja – diese Geschichte wird heute noch gerne (zu meinem Leidwesen) zu jeder passenden Gelegenheit erzählt.

    Bin gespannt wie lange es bei Euch dauert.

    Liebste Grüße, Steffi

  2. Girlfrommars1 on 22. September 2016 at 19:08 geschrieben

    Hallo ! Ich fand es ähnlich wie du und hab gedacht , ich hab mich doch eben noch so gefreut, dass er Zähne bekommt ( der erste kam mit neun Monaten). Linus war auch erst nicht so begeistert , glaube er hatte etwas Angst . Aber beim zweiten hat er sich schon gefreut u über die Zahnfee sowieso . Außerdem gehört das ja zum Schulkind sein dazu u darauf ist er sehr stolz ! Lg

  3. Ann-Kathrin on 23. September 2016 at 09:17 geschrieben

    Liebe Claudi,

    zu deinen Erzählungen ist mir ein Spruch eingefallen, den ich letztens auf einem anderen Blog gelesen habe und der die Sache mit der Zeit meiner Meinung nach ganz gut beschreibt: „The days are long, but the years are short“.
    Ich drücke dir die Daumen, dass er mit dem Ausziehen noch wartet… 😉

    Liebe Grüße!

  4. Sina on 23. September 2016 at 11:29 geschrieben

    Hallo liebe Claudi,
    hach, ja mir geht es ganz ähnlich! Wackelzähne und Schulbeginn beim großen Kind haben mich riesig melancholisch gemacht, bei aller Freude. Genau mein Gedanke „Und morgen zieht es aus, buhuuuu….!“
    Inzwischen sind schon drei Zähne raus (was ganz neue Weg eröffnet, Spaghetti zu essen, aber lassen wir das…). Nachdem es wochenlang lauter geheime Wackelzähne gab, ging es dann recht schnell mit den dreien. Im Moment ist es wieder ruhig und die nächsten „geheimen“ werden vorgeführt, meistens beim Zu-Bett-Gehen.
    Liebe Grüße – ich glaube, sie bleiben noch ein wenig bei uns wohnen 🙂
    Sina

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